Ich soll… Echt? Jetzt?

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Rosalie Ohm, 16 Jahre

Ich soll…? Echt? Irgendwas? Vom echten Leben? Hautnah? Berührend? Jetzt? Na dann…

Martin:
Es ist still in meiner Wohnung.
Ich sitze in meiner eigenen hausgemachten Stille in meiner eigenen Wohnung.
Die Wände habe ich selbst gestrichen. Die Möbel selbst eingeschleppt und den Kratzer in der Wand hab ich auch selbst gemacht.
Es fühlt sich irgendwie nach einer großen Leistung an, aber das ist es ja eigentlich nicht (jedenfalls nicht der Kratzer, das ist klar).
Ich war nicht immer allein gewesen.
Das beweisen die vielen Fotos auf dem staubigen Fensterbänken.
Klackende Absätze und gedämpfte Schritte vor der Tür, ein Lachen, ein Raunen, raschelnde Zeitungen, dann wieder Stille.
Noch ein bisschen mehr als vorher.
Ich sehe in den Spiegel und betrachte meine noch buschigen Augenbrauen, die spärlichen Deckhaare, fahre mit der knochigen, schmalen Hand über den Drei-Tage-Bart, der längst ein 5-Tage-Bart ist. Ich sollte zum Barbier gehen.

Miriam:
Mein Vater fragt, wann ich das letzte Mal ohne Kopfhörer rumgelaufen bin und ob ich sie zum Atmen brauche, aber ich antworte nicht, weil ich Kopfhörer drin habe. Allerdings ohne Musik, aber darauf kommt Papa gar nicht.
Dass es wegen ihm und Mama sein könnte, scheint ihm auch nicht greifbar.
Ich schnappe mir einen halb leeren Joghurt aus dem Kühlschrank und fühle mich genauso wie der vollgeklebte Alu-Deckel, von dem ich immer noch nicht weiß, ob man ihn ablecken darf oder eher nicht.
In meinem Zimmer scheinen die Wände zu wackeln, sobald ich sie ansehe, also ziehe ich mein Smartphone hervor.
Auf TikTok essen irgendwelche Pärchen überdimensionale Früchte und gehen mir damit überdimensional auf den Sack.
Ich starre an die Decke und blinzle die Tränen weg, die meine Physiklehrerin vorhin in meine Augen gepflanzt hat mit der 5 im Test.
Die Schnipsel der Enttäuschung habe ich im Mülleimer bei Frau Klauke begraben, da, wo sie nicht auffallen, weil sie selbst grad alte Schulsachen von sich entsorgte.
Ich fühlte mich der alten Frau nahe, als ich in ihren Papiermüll starrte und all die alten Fotos, Hefte, Kalender und Erinnerungen sah, weil sie auch etwas loswerden wollte, indem sie es aus ihrem Sichtfeld verbannte.
Schade um die antike Aktentasche aus echtem Leder, die hätte man noch bei EBay verkaufen können.

Julian:
Ein Pfandflaschen-Battle bei Rewe.
Die Frau mittleren Alters liegt mit 11,97€ vorn, weil der Sohn trotz Anweisung des Vaters immer wieder die hässliche kleine Flasche mit Wassermelonen drauf nimmt, die eindeutig aus irgendeiner Sonderedition stammt und in den Schlund des Automaten schiebt, obwohl dieser sie natürlich nicht akzeptiert. Mit schlappen 9,95€ verlieren Vater und Sohn gegen die Pfand-Queen, die endlich Platz macht und mich meine drei Plastikflaschen einwerfen lässt, die seit Wochen in einer Ecke der Küche vor sich hin verkümmern.
An der Kasse treffe ich meine alte Mathelehrerin, man sieht ihr die Zahlen an, die sie hinter der Stirn jongliert, das mag ich an ihr.
Sie erzählt mir von einem Mathe Wettbewerb an einer der Universitäten in der Stadt, der Talente zwischen 16 bis 25 Jahren einlädt, sie möchte mir “sehr ans Herz legen, doch auch daran teilzunehmen”.
Das ganze Leben ist ein Mathe Wettbewerb, wenn man ehrlich ist, aber ich sehe, was sie mir sagen will.

Martin:
Ich putze die Fenster, das habe ich zwar schon gestern, aber sie sind nicht ganz sauber geworden. Immer wieder spiegele ich mich selbst in dem Glas. Für andere Leute sehe ich alt aus. Ich bin alt.
Andere Leute sind auch alt, aber sie sehen nicht alt aus.
Die Wolken am Himmel sehen auch schon alt aus, die hängen da bestimmt schon seit 3 Tagen und kriegen immer dunklere Grautöne.
Angie hat gesagt, ich solle nicht die Falten zählen.
Das mache nur unglücklich.
Mit jeder Falte weiß ich, dass es nicht mehr lange dauert, bis ich wieder bei Mina bin.

Miriam:
Es ist laut, wenn ich nach Hause komme und es ist laut, wenn ich gehe, und das liegt nicht an der voll aufgedrehten Lautstärke meiner Kopfhörer, sondern an den erhitzten, roten Gesichtern meiner Eltern und deren überreizten Nerven und Stimmbändern.
Ab und zu kommen Oma und Opa vorbei und dann haben sie alle vier Tomatengesichter und Trollmünder.
Manchmal wünsche ich mir eine Fernbedienung, mit der ich sie alle stummschalten kann.

Julian:
Im Bus stehe ich einem alten Typen gegenüber, der zu den eher überdurchschnittlich Gesättigten gehört. Er trägt ein T-Shirt mit der passenden Aufschrift: „Seit wann wiegt mein T-Shirt eigentlich so viel?“ und darunter ein Chipmunk auf der Waage. Humor muss man haben.

Autorin / Autor: Rosalie Ohm