Ich atme tief ein. Versuche so viel wie möglich von dem süßen Duft zu inhalieren, bevor er fort ist. Es riecht nach Lilien, Honig und Verbitterung. Etwas Steriles kitzelt meine Nase. Ich schaue auf, lasse meinen Blick über die weißen Wände gleiten. Sie sehen fremd aus. Ganz weit weg und trotzdem bedrückend. Ich seufze. Nur ganz leise, um meine Mutter nicht zu stören. Langsam, äußerst behutsam, löse ich meine Hand von ihrer. Sie reagiert nicht. Wenn sie es könnte, würde sie jedoch lächeln. Ihre Lippen würden sich nach oben neigen, leicht und warm. Ich muss selber grinsen bei dieser Vorstellung. Nur, dass ich dabei nicht fröhlich bin, so wie sie es wäre. Meine Mutter regt sich immer noch nicht. Sie spricht nicht. Wüsste ich nicht was wäre, hätte ich angenommen sie schläft. Doch, hier, inmitten all der großen Monitore, dem statischen Biepsen und den etlichen vertrockneten Blumen, die auf der Fensterbank sitzen, legt sich eine Hand auf meine Schulter. Sie ist größer als meine eigene, zittert aber genauso stark. “Es ist Zeit, Nayla.” Schluckend nicke ich. Die Sahara in meinem Hals trocknet noch mehr aus, sodass ich versucht bin, aus dem Raum zu flüchten, um etwas zu trinken. Dabei ist es so wichtig, dass ich hier bin. Mein Vater setzt sich neben das Bett. Seine Bewegungen sind schwer, und er hat große Augenringe unter den müden Liedern. Kaffee hat er lange nicht mehr getrunken, und auch sein Handy liegt vergessen irgendwo zurück in unserem Haus. Ich habe mein eigenes seit Tagen nicht benutzt. Manchmal leuchtet es schwach auf, oder brummt vor sich hin, wenn einer meiner Apps eine Mitteilung sendet. “Du verlierst deinen Streak!” brüllt es mich an. “Du hast seit drei Tagen nicht mehr auf Soleis Snaps geantwortet!” erinnert es mich. Dabei scheint mir das alles plötzlich gar nicht mehr wichtig. Ich neige meinen Kopf und stehe auf. Eine Ärztin erscheint neben mir, und nickt mir zu. Ich kann Tränen in ihren Augen erkennen, obwohl sie bisher ununterbrochen professionell geblieben ist. Langsam setzte ich einen Schritt vor den anderen, während ich nach unten schaue. Würde ich es nicht tun, würde ich umkippen. Mein Herz rast in meiner Brust, fleht mich an, es nicht zu tun. Nichtsdestotrotz gehe ich weiter. Es ist schwer. Unerträglich sogar. Trotzdem habe ich das Gefühl, es meiner Mutter zu schulden. Seit Monaten liegt sie hier schon. Die Ärzte haben sie in ein Koma gelegt, und gehofft sie würde von allein aufwachen. Ich schniefe, während ich meinen Finger hebe. Es hat nichts gebracht. Das hier ist kein kitschiger Film, wo das Ende gut ausgeht und alle fröhlich zusammenkommen. Es ist nicht perfekt. Nicht so wie ich es tagtäglich in den Sozialen Medien mitbekomme. Ich schließe die Augen. Meine Fingerkuppe streicht den kleinen weißen Knopf. In meinem Kopf denke ich zurück. An all die schönen Momente, die ich hatte. Die meine Mutter hatte. Dann drücke ich. Etwas piepst und ein schrilles Geräusch ertönt aus der Maschine vor mir. Ich zucke zusammen und taumel zurück. Starke Arme fangen mich auf, ich bin jedoch zu benebelt, um zu verstehen, zu wem sie gehören. Etwas Feuchtes rennt über mein Gesicht und tropft auf den Boden. Weine ich? Ich bin mir selbst nicht ganz sicher. Hinter mir fliegt die Tür auf. Mehrere Krankenschwestern eilen herein und fangen an, mit meinem Vater zu reden. Dokumente und Papiere werden ihm in den Schoss gelegt, bevor eine ältere Frau ihm einen schwarzen Stift reicht. Ich bewege mich nicht. Die Hände, die mich aufrechterhalten, fangen an loszulassen. Eine warme Stimme erreicht mein Ohr, und schmiegt sich an mich wie eine warme Decke: “Das hast du wunderbar gemacht, Nayla. Komm, wir holen dir etwas zu trinken.” Ich merke nur wie ich nicke, als die Ärztin mich aus dem Zimmer begleitet, wie eine kaputte Puppe, die nicht selbst laufen kann. Die Tasse Wasser, die sie vor mir abstellt, schmeckt nach gar nichts. Der Hocker unter meinen Beinen ist härter als normalerweise. Alles erscheint mir grau. Leblos. Bis jemand ein kleines Stück Papier vor mir ablegt. Ich blinzle. Es ist ein Foto. Auf dem Bild erkenne ich mich selbst. Und meine Mutter, die mich in den Armen hält und lacht. Sie ist wunderschön. Ihre Haare sind offen, und fallen in lockeren Wellen über ihre Schulter. Ich strecke meine Hand aus und betrachte das Foto noch eine ganze Weile. Und langsam merke ich, wie es um mich herum wärmer wird. Als würde jemand einen alten Pinsel in Farbe tunken und Strich für Strich anfangen, eine leere Leinwand zu bemalen. Ich spüre meinen Körper wieder.
Und, nach einer sehr langen Zeit, lichtet sich der Nebel von meiner Welt.