Die Handschuhe

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Luisa, 25 Jahre

Die Zeiger der Uhr zittern; 01:13; der kalte Wind quetscht sich durch den Fensterspalt und trägt das Schweigen zwischen den beiden Menschen hin und her. 1:30; dann 1:55; fängt einer an zu sprechen.

„Es ist so...Ich würde gern, ...ich will eigentlich nur sagen, dass…. ich nicht sprechen kann. Es ist, als würde bei einem Wort, das falsch gesprochen, das zu viel gesprochen, augenblicklich meine Kehle zusammengeschnürt werden, als wolle man mir sagen: Was du redest ist verboten und niemand darf es hören.“

Aber wann tritt das auf?

„Wenn ich mit Menschen spreche, bei denen ich an der Grenze zur Ehrlichkeit kratze. Bei denen ich weiß, sie würden mein Gesagtes aufbetten, es zudecken und ihm ein Lied singen, so gut sind diese Menschen. Bei denen tut es mir am meisten weh. Sie hätten es verdient zu wissen, wer ich bin. Es ist, als würden wir uns auf der Diagonale des Raumes gegenüberstehen und unsere Worte wären unsere Hände, die sich immer näher kommen, so nah, dass sie bereit wären sich zu greifen und gegenseitig zu halten. Aber sobald die Worte zu gefährlich werden, dann hängen statt den Händen, nur leere Handschuhe in der Luft. Am liebsten würde ich dann aus dem Fenster springen und ganz laut rufen, was ich denke, bis ich aufschlage und die Angst vor dem was danach kommt unbegründet ist.“

2:00, die Kirchturmglocke schlägt, die Nachbarin gegenüber erblickt 2 Gestalten unangenehm weit weg voneinander stehend, sie zieht die Gardine zu.

Es ist also nicht die Angst vor den Worten selbst, sondern vor der Reaktion?

„Nein, es ist so...Ich würde gern, ...ich will eigentlich nur sagen, dass….ich Angst habe, dass ich mich erschrecke vor dem Gesagten, dass mein Körper etwas produziert über was ich keine Macht habe. Und was ist, wenn meine Worte ein ganz anderes Erleben widerspiegeln, als ich eigentlich spüre, einfach weil ich es nicht besser auszudrücken weiß. Es kann so schnell von den Lippen gehen und so viel zerstören. Ich habe so Angst dich zu verletzen. Ich finde es paradox, wir kommen auf die Welt ohne Worte und alle lieben uns und später sprechen wir und Leute hören wegen Worten auf uns zu lieben. Also besser nicht sprechen.“

Dann würdest du ja nach der Devise leben: „Wenn man es nicht genau so ausdrücken kann wie es gemeint sein soll, sollte man es lassen“. Aber würde man wirklich wollen, dass das Gegenüber schweigt, anstatt beim Versuch sich auszudrücken Fehler zu machen? Ich würde mich geehrt fühlen, wenn du es versuchst, weil damit sagst du mir: Ich nehme die Gefahr in Kauf, dass ich etwas Falsches sage, was dich vielleicht sogar verletzt, weil die Alternative ganz zu schweigen würde dir vermitteln, dass du mir nicht wichtig genug bist. Also überwinde ich mich und versuche es, trotz möglicher Blamage. Ich finde in dem Versuch liegt die Stärke. Du überwindest deine eigenen Schmerzpunkte für das Gemeinsame.

Aber kann ich meine Gedanken nicht nur für mich haben? Ich muss doch gar nicht alles teilen. Mit jedem Wort gebe ich etwas preis und dass will ich nicht, eh man sich versieht ist man entblößt. Ich will das für mich behalten, wie ein Tagebuch von dem man den Schlüssel verloren hat.

~Das darfst du natürlich tun. Nur verlernst du dann mit der Zeit das Teilen. Es wird allmählich einsiedlerisch. Wie würdest du reagieren, wenn dir jemand erlauben würde sein Tagebuch zu öffnen. Mit Wut, die sinnlos ist, aber gutgetan hat, mit Kaffeeflecken, die auf Tollpatschigkeit hinweisen, mit von Tränen gewölbten Papier. Was sagt dir diese Person mit dieser Geste? Dass sie mutig ist, dass sie dir vertraut, dass ihre schlimm-schönsten Erinnerungen bei dir mit Mitgefühl behandelt werden, oder vielleicht auch, dass sie sich sicher genug ist in ihrer Menschlichkeit fühlt, dieselbe mit anderen Menschen zu teilen.

Menschen teilen ihre Menschlichkeit. Das gefällt mir.

Gut, und wenn du dir jetzt vorstellst, dass ich auch nur ein Mensch bin, der hören will, was du sagst, was würdest du mir dann sagen?

Dass ich da bin. Dass ich da für dich bin. Das Du macht mich noch mehr zu meinem Ich. Dass ich es bei dir versuchen will. Dass ich dich. Dass ich dich sehr mag. Sehr sehr mag. Nein, es ist so...ich würde gern, ...ich will eigentlich nur sagen, dass, dass….dass ich dich.

03:13, die Nachbarin kann nicht schlafen, zieht die Gardine auf und guckt zu den 2 Gestalten gegenüber. Doch nur zwei leere Handschuhe hängen in der Luft. Vielleicht beim nächsten Versuch.

Autorin / Autor: Luisa