Ich falle hin, schlage mein Knie auf.
Zuerst verstehe ich nicht, wie es passiert ist. Denn eigentlich laufe ich diesen Weg jeden Tag. Aber ich bin einfach über meine eigenen Füße gestolpert – die Schnürsenkel waren auch noch offen – wie gemein.
Jetzt merke ich das Brennen in beiden meiner aufgeschürften Knie. Es kneift und treibt mir die Tränen in die Augen. Ich traue mich nicht hinzusehen, habe zu sehr Angst davor, die Wunde anzusehen.
Doch ich bin wieder sieben und weiß, wer sich meine Knie anschauen würde.
Und dann renne ich los. Zu der, die mich halten wird: Mama.
Und während mir die Tränen übers Gesicht laufen und ich immer wieder laut nach ihr rufe, kommt sie mir schon entgegen. Sie hat die Arme ausgebreitet und ein Taschentuch schon in der rechten Hand – so ein Glück, sie weiß, was zu tun ist.
„Was ist passiert, meine Süße?“, fragt sie mich. Und als ich bei ihr ankomme, schließt sie mich sofort in ihre Arme. Ich schluchze los, kann all das nicht mehr drin behalten. An ihre Brust gedrückt murmelt sie mir beruhigende Worte ins Haar und trocknet mit dem Taschentuch den stetigen Strom an Tränen auf meinen Wangen. Erst, als sich meine Atmung normalisiert, rückt sie ein Stück von mir ab.
„Das tut richtig weh, oder?“ meint sie mit dem Blick auf meine wunden Knie. Ich nicke wehleidig und ziehe die Nase so geräuschvoll hoch, wie es nur Kinder können.
„Tut mir leid, Mama. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist.“
„Ist doch nicht deine Schuld, Süße.“ Damit beginnt sie mich zu verarzten. Sie holt die Pflasterbox hervor und da weiß ich – alles wird wieder gut, es wird wieder verheilen.
„Möchtest du ein Eulenpflaster oder ein Löwenpflaster?“
Ich möchte das Löwenpflaster. Sie klebt es auf das eine Knie. „Weil du so tapfer warst.“
Auf das andere kommt dann auch noch das Eulenpflaster. „Weil du so ein kluges Mädchen bist. Daran Schuld waren nur deine Schnürsenkel. Ich zeige dir, wie man sie bindet, damit dir das nicht nochmal passiert.“
Sie nimmt mich an die Hand und wir setzen uns auf die Bank neben der Haustür. Ich lasse die Beine baumeln. Ich wusste, dass alles wieder heile werden kann, jetzt schniefe ich auch nur noch ein bisschen. Aber ich bin ja klug wie eine Eule und tapfer wie ein Löwe, und deshalb ist alles nur noch halb so schlimm.
Ich falle hin und schlage mir die Seele auf.
Heute bin ich zwanzig. Und auch wenn mein erster Impuls auch heute noch ist, zu Mama zu rennen so weiß ich doch nicht, ob sie mir die Arme auf die gleichen Weise aufhalten und beruhigende Worte flüstern würde.
Ich hätte gerne die Versicherung, dass ein Löwenpflaster auf der Verletzung alles heilen kann. Ich möchte mich tapfer und klug fühlen anstatt ängstlich und dumm. Doch ich fürchte, dass eine angeschlagene Seele schwer mit einem Pflaster wieder zusammengefügt werden kann.
Ich hätte so gerne jemanden, der meinen Schmerz anerkennt und sagt, dass das richtig weh tun muss, dass es nicht meine Schuld ist und ich nichts dafür kann. Jemand, der mich an die Hand nimmt und mir zeigt, wie ich meine Schnürsenkel richtig binde. Denn gerade bin hier draußen und stolpere alle paar Meter über meine eigenen Füße.
Und nicht nur, dass es schmerzt hinzufallen, nein, ich schäme mich auch noch dafür nicht richtig gehen zu können. Mir ist es unendlich peinlich, die ganze Zeit zu stolpern und möchte mich am liebsten verkriechen. Ich meine, alle andere schaffen es doch auch.
Und dann verknoten sich meine Schnürsenkel noch schlimmer – bis ich da sitze und keinen Meter vor oder zurückkomme und mich frage, was ich falsch mache.
Ich hätte so gern eine helfende Hand, die die Senkel entwirrt bis ich selbst wieder ein bisschen Durchblick habe. Jemand, der mir aufhilft und zeigt, wie ich meine Schnürsenkel richtig binden kann. Jemand, der mir sagt, dass ich nicht dafür verantwortlich bin – dass das manchmal passiert. Dass ich lernen kann.
Ich wünsche mir, Mama würde immer noch verstehen. Mit Taschentuch und Pflasterbox warten. Mich dort treffen, wo es am meisten weh tut. Ein Pflaster auf die verletzte Seele kleben, flüstern „Du bist so tapfer in deinem Schmerz“
Denn gerade fühle ich mich einsam, am Boden sitzend in einem nicht enden wollenden Berg aus verhedderten Schnürsenkeln.
Alles was ich wieder möchte, ist das Gefühl, wenn Mama das Löwenpflaster und das Eulenpflaster aufgeklebt hat, und ich meine Tränen trocknen kann, weil ich ja tapfer und klug bin.