Schritt für Schritt- Eine Anleitung wie man die Angst beerdigt

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Petra, 21 Jahre

Es gibt manche Dinge die sind völlig unmöglich. Viel zu groß und furchteinflößend um sie zu bewältigen. Ereignisse die man nicht proben kann und einem so weh tun, dass man vor lauter Schmerz nicht mehr fähig ist zu denken. Beerdigungen sind solche Dinge. Online gibt es Anweisungen für den Ablauf und Regeln wie man sich zu verhalten hat. Aber keiner verrät einem, wie man die eigene Mama begräbt. Vielleicht weil es die meisten Menschen nur einmal machen. Ich hab ja auch nur eine - ich hatte.

Als wir den Anruf aus dem Krankenhaus bekamen, weinte ich nicht. Ich fiel. Wohin genau? Keine Ahnung. Seit der Nachricht von ihrem Tod habe ich damit noch nicht aufgehört. Im Sturzflug falle ich jeden Tag ins Leere, ohne Blick auf Grund. Das ist eigentlich auch gut, wer weiß wie hart der Aufprall ist. Was ist wenn ich breche, sobald ich stoppe? Würde jemand meine Einzelteile eisammeln und wieder zusammenfügen?

Händeringend suche ich schon tagelang Halt. Flehend strecke ich mich zu allen Seiten aus - sitze derweil ganz stumm da - suche nach irgendetwas was mich bremst. Greife nach Mitleidsbekundungen, strecke mich hin zu den Worten, versuche einen Buchstaben zu fassen - falle weiter. Manchmal kann ich mich kurz an einer Erinnerung festhalten. Mama hat gerne gebacken. Hefe in Milch erwärmen, Zucker auflösen, die restlichen Zutaten dazu, Teig zehn Minuten kneten, abdecken, gehen lassen, kneten, abdecken, formen, backen. Hefeteig Schritt für Schritt. Nach ein paar Versuchen bewegten sich meine Hände schon ganz automatisch, ich musste nicht mehr nachlesen, nicht mehr denken. Die Anleitung hatte mein Handeln so perfektioniert, dass nichts mehr schiefgehen konnte.
Ich lasse den Hefeteig los, aber nicht den Wunsch danach. Ich will wissen was ich machen soll. Eine geordnete Beisetzung. Mama verabschieden. Stark bleiben.

Der Wecker klingelt jetzt schon zum vierten Mal. Um eine Beerdigung zu absolvieren sollte man rechtzeitig aufstehen. Die Klamotten sind bereits herausgelegt - natürlich Schwarz - und werden nach einer schnellen Dusche übergezogen. Haare zurückkämmen, Augenringe abdecken. Dann Frühstücken um später nicht bei der Zeremonie umzukippen. Frühstücken. Vor dem Becher Jogurt sitzen. Papa hat ihn mir hingestellt. Es sind Erdbeeren darin, daneben ein Tee. Ich und Mama haben immer den Gleichen getrunken. Meine Hand zittert als ich nach der Tasse greife. Sie ist zu schwer, ich stelle sie wieder ab, umklammere das heiße Keramik.
„Vorsicht, dass du sich nicht verbrennst!“

Lächeln. Sich für das Frühstück bedanken, die Finger der freien Hand in meinen Oberschenkel krallen. Weiter Lächeln, essen. Immer noch lächeln, wenn man ins Auto steigt. Nicht aufhören, aussteigen, Hände schütteln. Viele Hände. Danke sagen, nicken, mehr Hände schütteln, weiter Lächeln. Krampf im Gesicht. In der Kirche dann jedes Lied mitsingen. Darauf Gang zum Grab. Zuschauen wie sie hinunter gelassen wird. Hinabblicken. Eine Schaufel Erde nehmen und - Lächeln.

Stopp.
Davor wird noch eine Rede gehalten. Eine Trauer Rede am Pult - jetzt, genau hier. Ich weiß nicht mehr wie ich auf das Podest gekommen bin. Ich weiß nicht mehr was auf dem Zettel vor mir steht, was ich eigentlich sagen soll. Ich weiß nur, dass es weh tut zu Lächeln. Meine Lippen sind aufgerissen. Wem zeige ich die ganze Zeit eigentlich so verbissen meine Zähne? Die Menschen um mich herum verschwimmen mit den Worten vor mir. Die Rede für Mama. Meine Fingernägel krallen sich am Pult fest, hinterlassen kleine Halbmonde. Alle starren mich an - warten. Es ist ganz leise. Oder ganz laut? Sämtliche Geräusche werden von dem Wummern in mir drin übertönt. Wie als würde ein Hammer auf meine Brust schlagen. Bum. Ich kann nicht mehr lächeln, beiße mir die Lippen auf. Bum Bum. Es schlägt immer schneller. Unkontrolliertes fallen, ich strecke meine Hände aus - Bum Bum Bum - schmecke Blut. Bum Bum Bum Bum - immer weiter stürzte ich ins Nichts. Schließe die Augen, spüre plötzlich eine Hand an meiner Schulter. Einen Arm um mich herum. Das dumpfe Klopfen wird von einem Schluchzer durchbrochen. Tränen laufen mir die Wange hinab, auf Papas Pullover. Er hält mich und ich schreie beim Weinen. Ich schreie sie alle an. Es ist das erste Mal seit Mamas Tod, dass mich jemand im Arm halten darf. Das erste Mal, dass ich mich greifen lasse.
Im Flug war ich stumm und alleine. Jetzt liege ich schluchzend in einer liebevollen Umarmung. Der Aufprall ist warm, ganz weich. Er schmeckt nach Salz und Eisen.