Auf dem Dam

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Anouk S., 20 Jahre

Ein paar Monate danach

Gestern war ich beim Friseur und habe mir meine Haare wieder kurz schneiden lassen. Fast alle meine Freunde gehen zum CSD. Ich sehe viele Plakate und Fotos im WhatsApp Status oder in Chats. Auch mehrere Posts auf Instagram ploppen in meinem Feed auf.
In mir zieht es sich immernoch zusammen, wenn jemand von seinem Amsterdam oder Niederlande-Urlaub erzählt.

20 Minuten davor

Wir stehen zusammen auf dem Dam, wie es die Niederländer sagen. Der Dam ist einer der größten Plätze in der Innenstadt von Amsterdam. Hier begegnet man tagsüber jungen Unternehmerinnen, Strömen von Touristen und gestressten Einkaufenden mit großen Papiertüten, auf denen noch größere Markennamen stehen. Abends trifft man Pärchen, die sich verliebt in die Augen schauen, Damen in schicken Kleidern und in für die unebenen Pflastersteine zu hohen Schuhen, begleitet von Herren in langen Mänteln und Hüten. Es wirkt manchmal fast wie in einer anderen Zeit. Wenn man sich nachmittags draußen in eines der kleinen Cafés setzt, die um den Dam herum verteilt sind, und auf den Platz schaut, entdeckt man eine ältere Dame, die am Nachbartisch sitzt und einen Kaffee vor sich stehen hat. Sie hat eine Zeitung in der Hand. Es ist de Volkskrant. Sie hat die Sportseite geöffnet. In ihrer Rechten hält sie eine Zigarette.
Auf dem Platz würde man einen Blumenverkäufer sehen. Er hält einen großen Strauß Tulpen in der Hand. Die meisten sind rot, aber einige auch orange und rosa. Er hält sie lächelnd den Vorbeieilenden entgegen. Man würde die Kirchenuhr schlagen, die Straßenbahn läuten und Touristen in allen Sprachen der Welt reden hören. Den Platz umschließen alte, prächtige Gebäude und in der Mitte das Nationalmonument. Ein Obelisk, der wie der kleine Bruder der Siegessäule in Paris wirkt.

10 Minuten davor

Es wird gerade dunkel, als wir langsam über den Platz schlendern. Giulia erzählt etwas Witziges aus ihrem neuen Leben in Amsterdam. Ich fange an zu lachen und erzähle etwas von mir. Sehr bald gehen wir kichernd nebeneinander. Giulia schiebt ihr Fahrrad neben sich her, fast wie eine echte Niederländerin. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, und es ist sehr schön, so lachend nebeneinander durch das frühsommerliche Amsterdam zu spazieren.

2 Minuten davor

Meine Straßenbahn kommt. Aber ich entscheide mich, auf die nächste zu warten. Wir haben alle Zeit der Welt. Giulia und ich stehen neben der Haltestelle. Sie erzählt von ihren ersten Tagen in Amsterdam und wie sie sich an ihrem ersten Abend in diesen Platz verliebt hat.

Ich sitze in der Straßenbahn. Ich greife mit zitternder Hand nach meinem Handy. Ich will nur noch nach Hause.

Ein Mann steigt in die Straßenbahn. Er sieht mürrisch aus, hat eine Glatze und trägt schwarze Stiefel. Er setzt sich gegenüber von mir auf den Sitz. Ich atme schnell ein und aus und greife mit schwacher Hand nach meinem Handy. Noch fünf Minuten. Er schaut mich an. Ich versuche ruhig aus dem Fenster zu gucken. "You alright?" (1) Er schaut mich mit einem auf einmal freundlich lächelnden Gesicht an. An seinem Handgelenk sehe ich ein Regenbogen Armband und atme ein und aus. Ich nicke.

Irgendwann danach

Ich liege auf dem Bett in dem Gästezimmer der Freundin, bei der ich die Woche verbringe. Ich starre an die Decke. In mir drin spielt sich die Szene immer wieder ab: Giulia und ich stehen auf dem Dam. Wir lachen. Zwei Teenager beobachten uns, kommen auf uns zu. Der eine stellt sich uns in den Weg, der andere hält ihr Fahrrad am Lenker fest. Ich höre ihre Stimmen. Wie sie uns beleidigen als ‘damn homosexuals’ (2); ‘disgusting’ (3); und ‘pigs’ (4). Wir stehen wie erstarrt da. Sie fragen uns, was wir denn sind. Frauen können wir ja nicht sein, wo wir beide kurze Haare haben. Ich schaue aus dem Fenster. Ich spüre die Hand von dem einen an meinem Handgelenk. Er fragt ‘are you one of those…’ (5). Um uns herum trubeln Menschenmassen über den Platz. Leute kommen mit Taschen über den Schultern aus ihren Büros oder schlendern in die beleuchteten Restaurants; wir stehen mittendrin und sind doch unsichtbar. In dieser Menschenmenge fühle ich mich so einsam, wie noch nie.
Ich rolle mich auf dem fremden Bett zusammen und halte mir die Ohren zu.

13 Tage danach

Ich bin wieder in Deutschland. Ich fahre zum Einkaufen. An der Tasche eines älteren Mannes hängt ein Button. Es ist ein Regenbogen mit der Aufschrift: Love Wins! (6) Ich lächele ihn an.

25 Tage danach

Als ich beim Bäcker in der Schlange stehe, sehe ich ein älteres Pärchen in einer Ecke sitzen. Sie halten Händchen und küssen sich. Es sind zwei Frauen. Auf dem Nachhauseweg summe ich vor mich hin.

27 Tage danach

Ich mache einen Spaziergang und entdecke einen Schriftzug auf einer Hauswand. Darauf steht ‘Liebe statt Hass’. Daneben hat jemand ‘Love is a terrible thing to hate’ (7)  geschrieben.

1 Alles gut bei dir?
2 Verdammte Homosexuelle
3 Ekelhaft
4 Schweine
5 Bist du eine von diesen…?
6 Liebe gewinnt
7 Liebe zu hassen, ist eine furchtbare Sache

Autorin / Autor: Anouk S.