Auf der anderen Seite des Raumes
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Lisa Frammelsberger, 22 Jahre
Der Bildschirm meines Laptops ist viel zu hell.
Trotzdem starre ich darauf und kann meinen Blick nicht lösen. Ich scrolle durch die neuesten Nachrichten, dabei will ich gar nicht wissen, was schon wieder in der Welt passiert. Katastrophen, Kriege, Klimawandel, Ki. Ich überfliege die Überschriften, scrolle weiter und habe sie direkt wieder vergessen.
Arbeit kann man das nicht nennen, Zeitvertreib vielleicht.
Der Tisch vibriert. Ich blicke auf mein Handy, das gerade eine neue WhatsApp-Nachricht anzeigt. Ich muss grinsen, denn mein Kumpel schreibt mir immer nur, wenn er gerade richtig besoffen ist – und da entstehen meist sehr unterhaltsame Nachrichten. Gesehen haben wir uns schon lange nicht mehr.
Die alte Tür des Aufenthaltsraumes quietscht. Das Handy in meiner Hand kann meinen Blick nicht länger halten, denn Lachen erreicht meine Ohren. Zwei Mädchen betreten den Raum, werfen mir einen kurzen Blick zu, lächeln und setzen sich ein paar Meter entfernt auf die Couch. Wann wurde ich das letzte Mal angelächelt?
Ich will sie nicht länger beobachten, das könnte komisch wirken. Deshalb richte ich meinen Blick schnell wieder auf das Handy. Doch meine Aufmerksamkeit gehört der Sprache der Mädchen, die ich nicht verstehe. Sie sind also nicht von hier. Das überrascht mich ein wenig. Doch nach längerem Nachdenken ist es nicht so auffällig. Immerhin sitze ich an der Westküste Norwegens. Auf einem Campingplatz. Dass Norweger hier nicht nur ihre Zeit am Laptop verbringen, sondern auch Freundinnen zusammen ihren Urlaub machen, sollte mich nicht wundern. Ertappt lege ich mein Handy zur Seite und richte meinen Blick wieder auf den Laptop. Dabei streift er die beiden Mädchen.
Eine ist etwas größer, lange braune Haare. Die andere etwas kleiner, blonde lange Haare. Die fremde Sprache dringt zu mir, seit sie diesen Raum betreten haben. Sie unterhalten sich schon so lange. Ich ertappe mich dabei, zu überlegen, wann ich das letzte Mal so lange mit jemandem gesprochen habe. Ich tippe langsamer auf meiner Tastatur. Ist das nicht ein wenig traurig?
Je länger ich der fremden Sprache lausche, den nicht mehr so fremd wirkenden Stimmen der Mädchen, finde ich es schade, dass wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Ich würde gerne mitreden. Die Sprache klingt hart. Vielleicht ist es Deutsch. Aber ich kenne mich zu wenig aus, um das mit Sicherheit sagen zu können.
Im Augenwinkel nehme ich wahr, dass sie sich umsetzen. Bisher waren sie einander zugewandt, jede ihren eigenen Platz auf der Couch. Doch jetzt hat sich die Braunhaarige nach hinten gelehnt, sodass auf ihrem Schoß Platz für den Kopf der Blonden ist. Sie reden noch immer. Es scheint ein aufwühlendes Gespräch zu sein, denn die Braunhaarige streicht immer wieder beruhigend über den Arm der anderen. Beide sehen nachdenklich aus. Sie teilen ihre Gedanken. Offen und ehrlich. Und real. Schnell wende ich meinen Blick ab, der sich ungefragt auf die beiden gerichtet hat. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Stalker. Aber mit guten Absichten. Könnte man sagen. Man sieht nicht mehr oft diese menschliche Zuneigung. Dieses blinde Vertrauen. Trotz des wahrscheinlich ernsten Themas wirken die beiden ruhig, gefasst. Als würde die Präsenz der Anderen für Frieden sorgen. Es wirkt fastso fremd auf mich wie die Sprache. Aber irgendwie auch wunderschön.
Der Tisch vibriert wieder. Mein Handy. Doch dieses Mal greife ich nicht direkt danach.
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Autorin / Autor: Lisa Frammelsberger