Das Restaurant ist leer bis auf uns und zwei weitere Gäste. Es läuft Akkordeon-Musik, aus der Küche dringt das Geklapper von Geschirr. Draußen prasselt Regen an die Fensterscheiben.
„Wie läuft’s eigentlich mit deiner Freundin? Mann, ich hab‘ ihren Namen wieder vergessen“, gibt sie schmunzelnd zu.
Ich stocke. „Soraya heißt sie und es läuft echt gut, wir haben letztens unser Einjähriges gefeiert und sind dafür nach Hamburg gefahren. Es war zwar echt regnerisch, aber trotzdem richtig schön, ich fühl‘ mich einfach so, so, so wohl mit ihr.“
Kurz überlege ich, ob ich es dabei belassen soll. „Vor allem versteht sie auch Sachen, die Weiße oder Männer oder erst recht weiße Männer niemals checken werden. Ich brauch‘ ihr nichts vormachen, kann ihr sagen was mich stört oder was mich traurig macht.“ Ob es mir wichtiger ist, das gesagt zu haben, oder dass sie es hört, das weiß ich nicht. Sie lächelt mich an. „Ich freu‘ mich echt so für dich, das klingt richtig schön, das konntest du jetzt langsam echt gebrauchen.“
Bis auf ein paar Krümel sind unsere Teller leer. Sie Margherita, wie immer und ich etwas Neues, wie immer. Als wir zahlen wollen, bittet sie um getrennte Rechnungen.
Sie lenkt das Gespräch auf alte Schulfreunde und berichtet von einer Einweihungsparty, zu der ich nicht eingeladen worden bin. Aber ich hätte nichts verpasst, die Witze seien dieselben gewesen wie damals und so richtig zugehört wurde noch immer nicht. Sie merke, dass sie aus der Freundesgruppe einfach herausgewachsen ist. Mit einem ganz neuen Umfeld, eigener Wohnung, neuen Freunden habe sie sich einfach verändert.
Ich höre mein Herz klopfen. Fast hätte ich sie gefragt. Ich traue mich nicht.
Inzwischen sind die Regenwolken strahlendem Sonnenschein gewichen, wir spazieren durch die frisch gegossene Innenstadt. „Mit dem Schwimmen hab‘ ich schon vor längerer Zeit aufgehört, es hat zwar richtig Spaß gemacht, aber meine Neurodermitis hat einfach nicht mitgemacht… Ich bin ja inzwischen bei der Leichtathletik“, sagt sie.
„Ach ja stimmt, sorry, das mit dem Schwimmen hattest du mir erzählt“, beeile ich mich zu sagen. „Und…“
Allmählich fällt mir niemand mehr aus unserer Schulzeit ein, nach dem ich fragen könnte. Ihr offenbar auch nicht, aber sie war schon immer besser im Schweigen als ich. Also laufen wir still nebeneinanderher. Wir konnten mal über alles reden, aber alles fällt mir nicht mehr ein.
Ich überlege, welcher triftige Grund mich möglichst bald nach Hause gehen lässt.
„Ich muss noch Essen vorbereiten und mein Zimmer aufräumen, ich glaub‘, ich schau langsam mal nach ’ner Verbindung“, kommt sie mir zuvor und holt ihr Handy raus. Mit zusammengepressten Lippen versuche ich meine Erleichterung zu verbergen. „Schade, aber es war gut, dich mal wieder zu sehen.“
Eine halbe Stunde später winke ich ihr ein letztes Mal durchs Zugfenster und steige dann die Treppen zur Bahnhofshalle auf. Meine Gesichtsmuskeln entspannen sich, ich mache ein paar Grimassen, um sie zu lockern. Ich habe viel lächeln müssen. Es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, wie es sich angefühlt hat, schwerelos mit ihr zu sein. Es war anders, als ihre Freundinnen auch meine Freundinnen waren, aber keine so eng, wie wir einander Freundinnen waren.
Jemand stößt mich grob zur Seite und reißt mich aus meinen Gedanken. Ein junger Mann nimmt drei Stufen auf einmal, ohne zurückzublicken. Wenn sie jetzt noch da wäre, wäre sie außer sich und hätte ihm etwas Schnippisches hinterhergerufen. Ich schaue ihm bloß schnaufend nach, bis er außer Sichtweite ist. Auf dem Weg heim hoffe ich grimmig, er verpasst seinen Zug. Auf meinen Kopfhörern läuft „Old Friend“ dreieinhalb Mal hintereinander, bis ich zuhause bin. Dort lege ich mich auf den Teppichboden. Mein Zimmer starrt mich an.
Die Tür könnte langsam wieder einen Putzlappen vertragen.
Mir fällt ein, dass ich sie damals in der Pause aufgeregt in eine Ecke gezogen habe, als ich zum ersten Mal Blut in meiner Unterhose entdeckt habe.
Dann rufe ich meine Freundin an.
Ein paar Wochen später finde ich auf dem Dachboden eine Kiste mit allerlei Papierkram aus meiner Kindheit. Zwischen Klassenarbeiten und Einladungen zum Kindergeburtstag fällt mir ihre Handschrift ins Auge. Ich ziehe eine Postkarte heraus, auf deren Vorderseite Möwen an einem Ostseestrand abgebildet sind, hinten ist alles mit Füller vollgeschrieben. An die Ränder hat sie sogar noch ein P. S. und ein P. P. S. quetschen können.
Ich lese die Postkarte drei Mal und dann mache ich ein Foto. Ich schicke es niemandem.