Es ist kalt.
Regentropfen fallen auf meinen Kopf.
Meine Jacke ist schon ganz nass.
Der Himmel ist dunkel.
Und ich fühle mich müde und traurig.
Die Autos fahren rasch an mir vorbei.
Die Menschen auf der Straße gehen schnell.
Sie müssen in die Arbeit.
Sie müssen in die Schule.
Sie dürfen nicht zu spät kommen.
Ich auch nicht.
Also beeile ich mich.
Bald bin ich im Büro.
Ich bin eine Praktikantin.
Ich eile durch die Räume, verteile die Post.
Ich lächle, koche Kaffee, lächle weiter.
Ich stelle dampfende Tassen auf Schreibtischen ab.
Ich übernehme ein Telefonat, koche noch mehr Kaffee.
Ich lächle immer noch.
Im Büro laufen viele Menschen herum.
Sie haben es eilig.
Alle schauen auf ihre Bildschirme. Starren auf Tabellen, berechnen Daten, optimieren, planen, entwickeln Lösungen für die Zukunft.
Ich sage: „Guten Morgen“.
Zu mir sagt niemand: „Guten Morgen“.
Ich frage: „Wie geht es Ihnen?“
Mich fragt niemand: „Wie geht es Ihnen?“
Ich frage auch: „Wie war das Wochenende?“
Mich fragt niemand: „Wie war das Wochenende?“
Ich bin einsam zwischen all den Menschen.
Niemand redet mit mir.
Niemand schaut mich an.
Niemand lächelt.
Vielleicht wissen sie gar nicht,
dass ich da bin.
Vielleicht bemerken sie gar nicht,
wenn ich gehe.
Also gehe ich.
Ich gehe durch die Tür.
Ich gehe hinaus.
Ich bin weg.
Es hat aufgehört zu regnen.
Der Regenduft flimmert in meinen Ohren.
Was jetzt?
Ich gehe los.
In irgendeine Richtung.
Ich kenne die Straße nicht.
Ich kenne die Häuser nicht.
Aber das ist nicht schlimm.
Ich fühle mich gut.
Ich gehe und gehe.
Leichte Schritte auf nassem Asphalt.
Dann sehe ich eine Tür.
Ich lese: Cafè Sonnenschein.
Es riecht nach Kaffee.
Und nach Kuchen.
Es riecht gut.
Ich öffne die Tür.
Sanfte Klänge tanzen durch die warme Luft.
Ich sehe fröhliche Menschen.
Sie trinken Kaffee und essen Kuchen.
Und sie reden miteinander.
Ich will mich hinsetzen.
Aber es gibt keinen freien Tisch.
Jetzt bin ich enttäuscht.
Muss ich wieder gehen?
Traurig gehe ich zur Tür.
„Guten Morgen“, sagt jemand.
Ich schaue mich um.
Da sitzt eine alte Frau.
Sie trinkt heißen Kakao.
„Guten Morgen“, sage ich.
Die Frau lächelt mich an.
Das ist schön.
Ich lächle die Frau auch an.
„Willst du dich zu mir setzen?“, fragt sie.
Ich bin erstaunt.
„Ja, gerne“, sage ich.
Jetzt sitzen wir nebeneinander.
Die Frau schaut mich freundlich an.
Sie trägt eine lustige Brille und hat lustige graue Haare, die in alle Richtungen abstehen.
„Wie heißt du?“, fragt sie mich neugierig.
„Tara“, antworte ich.
„Das ist ein schöner Name“, sagt sie. „Schön, dich kennenzulernen.“
Ich finde es auch schön, sie kennenzulernen.
„Und wie heißt du?“, frage ich jetzt.
„Anna“, antwortet sie.
„Das ist auch ein sehr schöner Name“, sage ich.
Da lächeln wir beide.
Dann fragt Anna: „Wie geht es dir?“
Ich überlege kurz.
Das hat mich heute noch niemand gefragt.
„Es geht mir gut.“
Das sage ich.
Weil es stimmt.
Es ist schön, hier zu sitzen.
Es ist schön, mit Anna zu sprechen.
Es ist schön, dass sie mir zuhört.
Wir reden ein bisschen und lachen viel.
Und wir trinken Kakao.
Und essen Kuchen.
Plötzlich fragt mich Anna: „Wie heißt du?“.
Und sie sagt nochmal,
dass mein Name schön ist.
Und sie fragt nochmal: „Wie geht es dir?“
Anna weiß nicht mehr, dass sie das schon gefragt hat.
Aber das macht nichts.
Es macht mir nichts, ihr nochmal meinen Namen zu sagen.
Es gefällt mir, dass sie ihn schön findet.
Und es freut mich, dass sie wissen will, wie es mir geht.
Ich mag Anna.
Es macht Spaß, ihr zuzuhören.
Denn sie kann wunderbar erzählen.
Anna erzählt von ihren Reisen.
Sie war in vielen Ländern und hat viel erlebt.
Sie erzählt von wilden Tieren,
von hohen Bergen,
von großen Wäldern,
von riesigen Hochhäusern,
von alten Burgen,
von tollen Menschen
und von wunderschönen Sonnenaufgängen.
Ich höre Anna zu.
Sie nimmt mich mit auf ihre Reisen.
Und es macht nichts,
dass Anna die Geschichten immer wieder erzählt.
Denn sie weiß nicht mehr,
dass sie mir schon erzählt hat
von wilden Tieren,
von hohen Bergen,
von großen Wäldern,
von riesigen Hochhäusern,
von alten Burgen,
von tollen Menschen
und von wunderschönen Sonnenaufgängen.
Und es gefällt mir, dass Anna immer wieder fragt, wie es mir geht.
Und dass sie mir zuhört.
Und dass sie mich anschaut.
Und dass sie lächelt.
Später verabschieden wir uns.
Aber wir sehen uns morgen wieder.
Anna kommt nämlich jeden Tag ins Cafè.
Und ich komme auch.
Ich freue mich schon, wenn ich Anna wiedersehe.
Und ich freue mich auf ihre Geschichten.
Auf die wilden Tiere,
die hohen Berge,
die großen Wälder,
die riesigen Hochhäuser,
die alten Burgen,
die tollen Menschen.
Und am meisten freue ich mich auf die wunderschönen Sonnenaufgänge.