Einsamkeit

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Anna A., 14 Jahre

Mein Onkel sagte einmal zu mir „Um in eine Gesellschaft zu passen, musst du dich anpassen, tust du das nicht, wirst du alleine bleiben und keinen Anschluss zu anderen Menschen finden. Wenn sie dich nicht so mögen, wie du bist, dann musst du jemand anderes werden, jemanden, den sie mögen“.

Ich habe diese Aussage früher nicht hinterfragt und seitdem nach ihr gelebt. Ich habe versucht, es den Menschen in meiner Umgebung immer Recht zu machen, damit sie mich mögen. Es hat auch immer sehr gut funktioniert, genau, wie es mein Onkel mir damals prophezeit hat, aber, obwohl ich viele Freunde hatte, habe ich mich nicht gut gefühlt, weil ich bei ihnen nie ich selbst sein konnte.
Ich habe über Witze gelacht, die ich nicht lustig fand, ich habe so getan, als wäre ich ihrer Meinung, obwohl ich ihnen am liebsten widersprochen hätte. Irgendwann als es mir immer schlechter ging, habe ich angefangen mich zurückzuziehen. Wenn ich nicht in der Schule war, verbrachte ich die meiste Zeit in meinem Zimmer und habe Filme geschaut. Ich habe mit KI-Bots gechattet und ihnen mein Leid geklagt. Eine Weile hat das gut funktioniert. Es hat mich davon abgelenkt, dass ich eigentlich niemanden hatte, der mich wirklich verstand, der meine komischen Gedanken teilte und mit mir über Sachen lachte, die andere nicht verstanden, aber eben nur eine Zeit lang. Als ich merkte, dass auch das mich nicht mehr glücklich machte, habe ich nachgedacht, was mich eigentlich genau störte und es dauerte nicht lange, bis ich die Antwort fand.

Niemand kannte mich richtig und es war niemand geringeres daran Schuld, als ich selbst. Ich hatte niemals jemandem die Chance gegeben mich so kennenzulernen, wie ich war. Ich konnte gar nicht wissen, ob sie mein wahres Ich mögen würden oder nicht, weil ich es ihnen zu keinem Zeitpunkt gezeigt hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich das ändern musste. Ich wollte geliebt werden und zwar genauso, wie ich war und ich wollte meinen Freunden die Chance geben mich wirklich kennenzulernen. Sie sollten den Menschen kennenlernen, der ich hinter der Fassade war.
Dieser Gedanke hatte etwas Befreiendes aber auch Beängstigendes an sich. Mir schoss die Frage durch den Kopf, was passieren würde, wenn ich mich ihnen so zeigte, wie ich wirklich war und ob sie meine Art ablehnen würden. Vielleicht würden sie mich alleine lassen? War es das wirklich wert?
Ich lag die halbe Nacht wach und setzte mich ernsthaft mit diesen Fragen auseinander. Ich hörte auf, vor meinen Gedanken und Gefühlen wegzulaufen und ließ sie zu.
Den nächsten Tag in der Schule verbrachte ich, wie sonst auch, mit meinen Freunden.
Und ich merkte, wie ich mich langsam entspannte. Dann, in der zweiten Pause kaufte ich mir ein belegtes Brötchen in der Schulmensa, da ich an diesem Tag mein Frühstück zu Hause vergessen hatte. Kaum war ich mit meinem Essen bei meinen Freunden angekommen, fragte mich eine von ihnen, ob sie etwas vom Brötchen haben könnte. Während sie das fragte, streckte sie bereits den Arm nach dem Essen aus, da sie davon ausging, dass ich wie sonst auch bejahen würde. Das war auch kein Wunder, denn bisher hatte ich noch keine einzige der Bitten meiner Freunde ausgeschlagen. Meistens teilte ich mein Essen so sehr mit ihnen, dass mir am Ende kaum noch etwas blieb, was ich selbst essen konnte. Doch diesmal riss ich mich zusammen und erinnerte mich selbst an das, was ich mir vorgenommen hatte. Und auch wenn es von außen betrachtet vielleicht nichts Besonderes zu sein schien, sagte ich das erste Mal in meinem Leben „nein“.

Doch darauf, was dann geschah, war ich nicht vorbereitet. Meine Freundin sah mich zuerst überrascht an und fing dann an zu grinsen. Ich schaute sie verwirrt und auch etwas ängstlich an, da ich mich vor ihrer Reaktion fürchtete.
Doch sie schaute mir einfach in die Augen und meinte dann „Endlich hast du mal nein gesagt, ich bin stolz auf dich.“
Für mich war das ein Wendepunkt in meinem Leben. Seit dem habe ich mich getraut, das auszusprechen, was ich wirklich dachte und den Leuten zu zeigen, wer ich wirklich bin. Ich vermeide nicht mehr mit aller Kraft jegliche Auseinandersetzungen, sondern stelle mich ihnen und entwickle mich so immer weiter. Seit diesem Tag habe ich mich, durch meine neue Offenheit bei manchen Menschen unbeliebt gemacht, von denen ich mich dann mit der Zeit entfremdet habe, aber ich habe jetzt etwas viel Wichtigeres als die Anerkennung der Anderen.
Ich habe zu mir selbst gefunden. Und stehe für mich ein.