Es ist nicht so, dass ich damals nicht sprechen konnte, aber ich machte es einfach nicht. Menschen, die Geschichten zu erzählen haben, sprechen, und die, die keine zu erzählen haben, sprechen nicht. Ganz einfach. Warum ich mich damals dazu entschlossen habe, nicht mehr zu reden, ist eine traurige Geschichte. Damals gab es einen Bombenanschlag in unserem Dorf. Ich befand mich zu der Zeit im Keller, um für meine Mutter nachzuschauen, ob wir noch genug Reis fürs Mittagessen haben. Als ich auf dem Weg nach oben war, hörte ich eine Explosion, dann wurde ich nach hinten geschleudert, und wurde ohnmächtig. Als ich wieder aufwachte, lag ich auf einer Liege zwischen mehreren anderen verletzen Kindern. Ich setze mich auf, und eine junge Frau kam auf mich zu. „Geht es dir gut?“, fragte sie, „Tut dir irgendwas weh?“, Ich schüttelte den Kopf, bis auf üble Kopfschmerzen ging es mir so weit ganz gut. Ich sah mich um. Der Raum, in dem ich lag, wurde von Öllampen beleuchtet. Wo waren meine Eltern? Sie konnten doch nicht… Als ich die Frau fragend ansah, schüttelte sie den Kopf. „Es tut mir leid, deine Eltern haben den Bombenanschlag leider nicht überlebt, mein Beileid“, die Frau warf mir einen mitleidigen Blick zu. „Du wirst mit anderen überlebenden Jugendlichen nach Deutschland reisen, dort ist es sicherer für euch und du kannst ein neues Leben anfangen“, sie nickte mir zu und ging zu einem anderen Kind am Rande des Raumes.
Das konnte doch nicht sein, meine Eltern konnten nicht tot sein, wir hatten doch vor wenigen Stunden noch zusammen gegessen. Die Krankenschwestern, die an mir vorbeiliefen, warfen mir einfühlsame Blicke zu. Als ob DIE wüssten, wie es sich anfühlte, jemanden zu verlieren. Die Tränen kamen zu schnell, um sie zu verbergen, Tränen der Wut das ich nichts tun konnte, und der Traurigkeit, weil ich die wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren hatte. Das war der Moment, in dem ich beschloss zu schweigen, für meine Eltern und die anderen Kinder, die ihr Leben lassen mussten.
Wenige Stunden später saßen ich und 34 andere Jugendliche in einem Bus nach Deutschland. Ein anderes Land, eine andere Sprache, andere Menschen und eine neue Klasse. Ich musste immer noch an die Letzen Worte meiner Mutter denken: „Schatz, gehst du mal bitte kurz nachschauen, ob wir noch genug Reis haben?“, diese Worte waren viel zu klein für das, was passiert war. Die Busfahrt dauerte mehrere Stunden und ich schaffte es gerade so die Tränen zurückzuhalten, bis wir in unserer Unterkunft angekommen waren. Vor Ort brach ich in Tränen aus, ich wollte nicht hier sein, ich wollte einfach nur nach Hause zu meinen Eltern. Warum muss die Welt so ungerecht sein?
Eine Woche später stand ich in meinem neuen Klassenzimmer, alles sah so anders aus als dort, wo ich herkam. Die anderen Schüler sahen nicht so aus, als würden sie alle aus Deutschland kommen, das gefiel mir, auch wenn ich es niemals aussprechen würde. Meine neue Klasse musterte mich misstrauisch, „das kann ja super werden“, dachte ich in dem Moment. Der Lehrer zeigte auf einen freien Platz neben einem Jungen, der nur stumm aus dem Fenster schaute. Als ich Platz genommen hatte, fing der Lehrer an, über etwas zu sprechen, aber ich verstand nicht was, da ich ja kein Deutsch konnte. Die restliche Stunde schaute ich nur auf die Uhr, ich glaube der Lehrer hatte mich in der Stunde auch ein paar Sachen gefragt, da ich meinen Namen gehört hatte, aber verstanden habe ich nichts. Ich muss Deutsch lernen, um hier voranzukommen. Nach der Schule holten mich meine Betreuer vom Wohnheim ab, und fuhren mit mir zurück nach Hause. Zuhause setze ich mich auf mein Bett. Ich zündete eine Kerze an für meine Eltern, und alle, die mit ihnen von uns gegangen waren. Die nächsten Tage verliefen genau wie dieser, ich ging zur Schule, saß in den Pausen alleine auf einer Bank, nur um danach wieder im Klassenraum zu sitzen, und auf die Uhr zu starren. Ich dachte eigentlich, dass es so weitergehen würde, aber in einer Pause setze sich der Junge, neben dem ich im Klassenraum saß, zu mir. Er aß nur stumm sein Brot und als es klingelte, gingen wir schweigend zusammen zum Klassenraum zurück. Die nächsten Tage verliefen genauso, aber irgendwann fing er an zu sprechen, ich wusste nicht, was er sagte, aber es gefiel mir und ich hatte das Gefühl, das er nachvollziehen konnte, wie es mir ging.
So vergingen mehrere Monate und langsam fing ich an, Deutsch besser zu verstehen. Ich wusste irgendwann, was der Junge mir erzählte, er erzählte mir Märchen. Märchen von bösen Drachen und klugen Prinzessinnen, die sich selbst aus dem Turm befreiten, und dem Prinzen nur einen genervten Blick zuwarfen. Er erzählte mir viele Geschichten und wenn er mal nicht da war, wurde meine Welt wieder still. An einem Tag erzählte er mir eine Geschichte von einem Vogel, der stumm wie ein Stein war, aber mit seinen Augen den anderen Vögeln die ganze Welt erklären konnte. Als er zu Ende erzählt hatte, wollte er aufstehen und gehen, aber ich hielt ihn fest und flüsterte: „Noch eine.“ Er grinste und setze sich wieder hin. Er fing an, die Geschichte von dem Vogel weiter zu erzählen, wie er gegen böse Vögel kämpft und schließlich seine Stimme wieder fand. Geschichten können Schmerz, Wut und Trauer nicht auf hier und gleich verschwinden lassen, aber sie können helfen, sie langsam und vorsichtig zu überwinden und weiterzumachen.