Sommersprossen

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Dante K., 19 Jahre

Der Sommer hat nach Erdbeeren geschmeckt. Nach Natur und Sonne und Freiheit. Helle Zuckerwattewolken und eine zu heiß brennende Sonne. Der Geruch von Sonnencreme, Chlor und frisch geschnittenem Gras. Wir haben zusammen auf der Wiese gelegen und die Löwenzähne gezählt. Sie standen vor uns wie winzige Sonnenblumen, die kleinen Gesichter gen Sonne gestreckt. Du hast mich mit dem Gartenschlauch gejagt, nassgespritzt, laut gelacht. Ich hab mich im Schuppen versteckt, zwischen alten Kisten, ganz klein zusammengekauert, um keine Fläche für die Spinnen zu bieten. Du bist lachend hereingestürmt, der Gartenschlauch lange vergessen, hast dich durch die Fahrräder und alten Holzmöbel gewühlt, bis du mich gefunden hast. Du hast mich bei der Hand genommen und mich aus meinem Versteck gezerrt.

„Ich will Eis“, hab ich gesagt und du hast entschieden, dass wir mit den Fahrrädern zum Kiosk fahren, also hast du mir ein altes Fahrrad aus dem Schuppen geholt und es mit deinem T-Shirt sauber gewischt, dunkelgraue Flecken haben sich in das rote Shirt gefressen. Dein eigenes Rad stand am Eingang des Schuppens, ganz ohne Flecken. Du hast sie nebeneinander auf die Straße gestellt, deins grün und meins orange. Es hat deiner großen Schwester gehört, für mich war es zu groß und ich konnte nicht mehr absteigen, sobald ich losgefahren bin. Wir sind den Berg runtergerollt, bis zum Kiosk am Ende der Straße, wo ich mich vom Fahrrad stürzen musste. Du hast gelacht, und dich neben mich auf den Boden gesetzt, meine zerkratzten Hände in deine genommen und tröstend auf sie gepustet. Du hast mir über den Kopf gestrichen und meine Stirn geküsst, mich von der Straße gezogen, und mir gesagt, dass ich kurz warten sollte.

Während du im Kiosk warst, saß ich auf dem Bordstein, der Blick auf die große Straße gerichtet. Mein Knie fing an zu bluten und ich ging rein, weil ich mit meinem Schmerz nicht alleine sitzen wollte. Da standest du und hast dein Geld gezählt, zwei Wassereis, eine Flasche Wasser. Die Luft im Kiosk war kühl und stand still. Der Mann an der Theke blickte auf uns nieder. Ungeduldig. „Lieber Wasser oder Eis?“, hast du mich gefragt. „Eis“, weil es schöner aussah als das blasse Wasser. Du hast genickt und das Wasser zurückgestellt. Dann hast du dem Kioskbesitzer dein letztes Geld für unser Eis gegeben. Mit zwei frischen Wassereis haben wir uns in die Sonne gesetzt, auf den Bordstein, der Stoff unserer Hosen bot Schutz vor dem heißen Asphalt, ein paar Grad wärmer und der Boden würde schmelzen wie unser Eis.

Du hast deine hellen langen Haare aus deinem Gesicht gestrichen, der Wind war ganz still und du für einen Moment auch, nur noch das Eis tropfte. In dem Moment warst du der schönste Mensch der Welt. So cool und frech und mutig und klug. Immer barfuß, neben mir in meinen Sandalen. Zwei Mädchen auf dem Bordstein, unter glühender Sonne, meine rosa Spaghettiträger und gelben Shorts klitschnass. Deine kurze Jeans trocken, das rote T-Shirt so dreckig, nur für mich. Die Sommersprossen so unverkennbar du, unter der großen, hellen Sonne. In deinem Kopf warst du ganz woanders und ich war ganz da.

„Irgendwann wird die Sonne sterben“ hast du gesagt. Ich hab dich mit großen Augen angesehen und gefragt „Bald?“ Du hast den Kopf geschüttelt. „Nein. Nur irgendwann.“ Darauf habe ich genickt und geschwiegen, während das Eis mir die Hand runter tropfte, und rote Flecken auf dem gelben Stoff bildete. „Das ist gut“, hab ich nach einer Weile gesagt. „Dann können wir noch viel Eis essen“, und du hast mich von der Seite umarmt, deine klebrigen Finger auf meiner von der Sonne gewärmten Haut. Der Sommer hat nach Erdbeeren und künstlichen roten Früchten geschmeckt. Meine Knie haben geblutet und wir sind in Freibädern und zu kalten Seen schwimmen gegangen. Wenn die Sonne schien, waren wir bei dir und wenn es geregnet hat, haben wir uns bei mir zuhause versteckt, eine Festung aus Decken und Kissen gebaut. So versteckt haben wir uns gegenseitig Geschichten erzählt, bis es nichts mehr zu erzählen gab, und dann hab ich meinen Kopf auf deine Brust gelegt und deinem Herzschlag gelauscht, bis ich eingeschlafen bin.

Der Sommer war endlos, bis die Sonne starb, die Blätter fielen und die Schule anfing. Du hast an meiner Tür geklopft, am letzten Tag als noch die Sonne schien. Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Du warst sonst nur bei Regen bei mir. Du hast mir nichts erklärt, hast mich nur in den Arm genommen und lange gehalten. Blaue Tränen sind dir über das Gesicht gelaufen als du meine Wange geküsst hast, dann bist du in das große Auto deiner Eltern gestiegen und davongefahren. Weit weg. Das war’s dann, danach habe ich dich nie wieder gesehen. Ich weiß nicht mal mehr deinen Namen, aber den Klang deines Lachens oder das Gefühl der Sonne auf meiner Haut werde ich nie vergessen.