Wenn nicht jetzt, wann dann?
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Sofia Chautems, 23 Jahre
«Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!»
Gänsehaut wandert über meinen ganzen Rücken, als tausende Schülerinnen und Schüler den Slogan immer wieder wiederholen. Tausende Schülerinnen und Schüler, die sich an dem bewölkten Freitagnachmittag auf dem Münsterplatz versammelt haben. Gegen das Grau des Herbsthimmels kämpfen unzählige farbige Schilder, Banner und Fahnen. Das Pfeifen des Windes wird vom Knistern und Quietschen der Megafone übertönt, aus denen ebenfalls der Sprechgesang ertönt. Ich blicke um mich und sehe nur fremde Gesichter. Gesichter, die alle so aussehen, als wäre das hier für sie schon die hundertste Demo. Als hätten sie schon hundert Mal die Schule am Freitagnachmittag geschwänzt, um für das Klima zu demonstrieren. Für mich ist es heute das erste Mal. Ich bin ohne Freundesgruppe eine Stunde aus meinem kleinen Dorf in die Stadt gependelt, um dabei zu sein und schwänze zum ersten Mal in meinem Leben die Schule. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler sitzen gerade im Musikunterricht, während ich ohne Fahne, ohne Plakat, aber mit einer umso kräftigeren Stimme die Worte, die aus dem Megafon ertönen, nachsinge: «Wir sind hier, wir sind viele, haltet euch an die Klimaziele!»
Niemand weiß, dass ich hier bin, nicht mal meine Eltern. Sie waren von meinem Vorhaben gar nicht begeistert und hielten mir vor, was mein zukünftiger Arbeitgeber wohl denken würde, wenn ein Bild von mir an einer Demo im Internet herumgeistert. Und fast hatte mich das abgeschreckt. Ich war schon auf dem Weg in die Schule, als sich tief in mir innen etwas sträubte und plötzlich konnte ich keinen Schritt mehr in Richtung Schulhaus machen. Also rannte ich zum Bahnhof und nun, eine Stunde später bin ich hier: Vor einer kleinen Bühne wartend, auf der sich eine junge Frau gerade für eine Rede mit einem Mikrophon verkabeln lässt. Ich folge dem Strom der Schülerinnen und Schüler, bis ich fast ganz vorne bei der Bühne stehe. Währenddessen spricht die Frau von einer Gruppe von Menschen, die gegen die Öl-Industrie demonstriert hätten. Sie wären auf dem offenen Meer umgekommen. Neben mir beginnt ein junger Mann zu weinen. Die Frau auf der Bühne schlägt eine Schweigeminute für die Opfer vor und was als nächstes geschieht, kann ich fast nicht glauben. Tausende von jungen Menschen, die vorhin noch wütend geschrien und gesungen hatten, werden so still, dass man das Pfeifen des Windes wieder hören kann. Der ganze Platz wirkt so, als befände er sich in einem Vakuum. In meinem Nacken breitet sich wieder die Gänsehaut aus, obwohl durch das vorherige Zusammenrücken wohlige Wärme herrscht. Ich habe nicht ganz verstanden, für was diese Gruppe von Menschen genau demonstriert hatte, was eine Öl-Lobby war und zu welcher Vereinigung sie gehört hatten. Aber trotzdem macht sich eine unfassbare Wut in mir breit. Als ich sehe, wie alle um mich auch traurig und wütend werden, ist das Gefühl vom Nichtdazugehören wie weggeblasen. Am Ende der Schweigeminute fegt tobender Applaus über den Münsterplatz und die Demo beginnt offiziell. Ich bekomme von der Gruppe neben mir das Ende eines Banners in die Hand gedrückt und beim Loslaufen merke ich: Ich bin plötzlich ganz vorne mit dabei.
«Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!»
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