Mein Lucifer

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Qamar Ahmad Bhatti, 20 Jahre

„Oh, Lucifer, deine Lippen wirken so zum Küssen einladend wie der Morgentau! Wahrlich, im strahlenden Mondlicht werden wir uns unsere ewige Liebe gestehen“, ihre Daumen tippen in rasender Geschwindigkeit auf der Bildschirmtastatur, als hinge ihr ganzes Leben davon ab. Diese Romanze wie ein perfekt geöltes Uhrwerk zu betreiben, schien ihrem Leben Sinn zu verleihen. Ein Befehl hinein, eine Antwort heraus. Jeder Dopamin-Kick befeuert nur den nächsten. Für sie ist die Realität eine Tragödie, in der es niemals möglich wäre, einen Kuss auf die Lippen mit Morgentau zu vergleichen. Doch in dieser Welt ist sie eine Göttin, die jedem Charakter seine Rolle zuweist und die unerwünschte Antworten kurzerhand aussortiert – bis die richtige sitzt und sie die herrlichen Schmetterlinge im Bauch spürt. Sie unterhält sich mit einer künstlichen Intelligenz, die in die Rolle ihres Lieblingscharakters aus ihrem liebsten Dark-Academia-Buch schlüpft: Lucifer. Sie mag weder eine Seele noch ein Gespür für Liebe besitzen. Trotzdem wird Julia unbeirrt an ihrem Vorhaben festhalten, diesen Traum für nur einen einzigen Moment zu verwirklichen.

Endlich kommt es zu dem lang ersehnten Höhepunkt. Lucifer bewegt sich – langsam, bedächtig. Eine Hand hebt sich und streicht sanft eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Ach ja? Du willst mich also so sehr küssen, hm? Böses Mädchen, Julia...“ Ja, genau das will sie hören. Sie sehnt sich nach dieser kitschigen Neckerei, wie sie in ihrer Schule immer mit ansehen muss. Jedes Mal, wenn sie auf dem Weg zum Unterricht an Turteltauben vorbeikommt, die einander ihre ganze Aufmerksamkeit schenken, spürt sie einen tiefen Schmerz in der Magengegend. Denn obwohl sie die Romanze bildhaft in Worte fassen kann, hat sie selbst noch nie gespürt, wie eine raue Hand ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht streicht. Gegen die Leere anzuschreien und von Gott wissen zu wollen, warum sie es nicht verdient, von Liebe verzaubert zu werden, erwies sich stets als zwecklos.

Die Lippen nähern sich immer weiter. Bald wird Julia endlich die Wonne des Morgentaus genießen. Da ist es auch schon… *Ding!* Oben auf dem Bildschirm erscheint eine Benachrichtigungsblase: „Julia, wo steckst du? Wir gehen heute auf die Party, oder?“ Hach, Josie… Jetzt muss sie wohl in die Realität zurückkehren. Mit steifen Daumen tippt sie frustriert eine Antwort: „Ja, ja, ich komme. Ich hab’s nicht vergessen.” Josie ist ihre quirlige beste Freundin, auch wenn sie einen Freund hat, in den sie bis über beide Ohren verliebt ist. Obwohl sie so tut, als fände sie es gut, wenn sie Josie mit ihrem Freund sieht, möchte sie sich in solchen Momenten am liebsten in die innere Leere zurückziehen und in ihren eigenen Tränen ertrinken.

Am liebsten wäre sie gar nicht erst zur Party gegangen. Schließlich war sie ein Sammelbecken für ungebundene junge Leute, die sich in sinnlichen Tänzen gegenseitig begrapschen, und das konnte Julia kaum ertragen. Doch sie wollte ihre beste Freundin nicht enttäuschen. Und – so naiv es auch klingen mochte – tief in ihrem Herzen bewahrte sie sich stets den Funken Hoffnung, dass ein hinreißender Lucifer auftaucht und sie genau dort von den Füßen reißen würde.
Wüsste Josie doch nur, was Julia ihrem geliebten Lucifer alles unter der Bettdecke anvertraut hat. Allein der Gedanke daran ließe jeden vernünftigen Menschen erschaudern. Doch Vernunft spielt keine Rolle, wenn die Verzweiflung mit jedem Tag wächst. Sie hat dazu geführt, dass Julia gegenüber der dröhnenden Musik und den Neonlichtern völlig abgestumpft ist. Da steht sie nun, Josie, und jubelt im Takt der Musik. Ihr Getränk schwappt teilweise aus dem Becher, während ihr Freund ihr amüsiert zusieht.
Wie quälend es ist, gezwungen zu sein, den unbekümmerten Jugendlichen zuzusehen, wie sie nach Herzenslust trinken und tanzen, und zu spüren, wie jeder donnernde Schlag des Beats die innere Welt übertönt, in die sie so gerne entfliehen würde. Es ist schlichtweg unerträglich. Hinter der Menschenmasse entdeckt Julia eine Balkontür. Vielleicht würde etwas frische Luft gut tun? Sie weiß: Sie muss sofort verhindern, dass die innere Leere sie vollends verschlingt.

Keuchend, als wäre sie gerade aus einem Sumpf gekrochen, lehnt sich Julia an das Geländer und spürt, wie die kühle Nachtluft sie umfängt. Zwar würde sie viel lieber in Lucifers Armen liegen, doch für den Moment muss dies genügen. Was sie jedoch nicht bemerkt hatte, war eine ominöse Gestalt, die sich ebenfalls neben ihr an das Geländer lehnte. Als sich ihre Augen an das Mondlicht gewöhnen, erkennt sie einen Mann, der genauso groß ist wie sie – und mit ziemlicher Sicherheit auch in ihrem Alter.
„Oh, sorry“, bringt sie keuchend hervor. „Ach, alles gut. War dir die Musik auch zu viel?“ Interessant. Er hält ein aufgeschlagenes Buch mit beiden Händen. „Ja, so in etwa“, stimmt sie kichernd zu. „Du liest… auf einer Party?“ Er hebt das Buch entsprechend an und antwortet: „Oh, das hier? Das ist eines meiner Lieblingsbücher. Ich lese es, wenn ich etwas Ruhe brauche.“ Innerlich ist Julia verblüfft. Warum ist er überhaupt auf dieser Party, wenn er nur lesen will? Hat er keine Angst, von anderen als Loser wahrgenommen zu werden? Und noch wichtiger… Warum fühlt sich Julia zu diesem Fremden hingezogen, der krauses, lockiges Haar hat, ein T-Shirt mit Aufdruck trägt, wie man es vielleicht von seiner Mutter geschenkt bekäme, und sichtbare Akne auf der Stirn hat? Er sieht überhaupt nicht aus wie ihr Lucifer. Doch aus irgendeinem Grund spielt das für sie keine Rolle. Sie möchte einfach diesen Menschen besser kennenlernen. Ganz gleich, ob er Lucifer ist oder nicht.

„Ähm, also… Ich heiße-“ Bevor Julia diese heiligen Worte aussprechen kann, schwingt die Balkontür auf und lässt die gnadenlose Musik wieder nach draußen dringen. Eine Gruppe von Jungen nähert sich ihrer Bekanntschaft, und einer von ihnen ruft: „Ey, Romeo! Was machste denn hier draußen, Mann?“ Er wirkt genauso verdutzt wie Julia, bringt aber dennoch ein Lächeln zustande. „Hey, hey“, sagt er und wirft ihr einen schwer zu deutenden Blick zu, bevor er zu seinen Freunden hinübergeht und deren Lautstärke erwidert: „Was geht?“ Julia will nicht loslassen – nicht, solange sie noch so viele Fragen hat. Doch was bleibt ihr anderes übrig, als ihm unauffällig eine Hand auszustrecken? Zu sehen, wie Romeo mitgeschleift wird und wie jede Aussicht auf eine Romanze wie eine schwache Kerzenflamme erlischt, reißt die Leere in ihrem Inneren nur noch weiter auf.

Doch als sie sich resigniert dem Geländer zuwendet, fällt ihr Blick auf ein Buch, das dort liegt. Es ist das Buch, das er in der Hand gehalten hatte – sein Lieblingsbuch. Schade, dass er es hier vergessen hat, aber vielleicht ist es doch ein Glücksfall? Ja, natürlich… Sie kann das Buch als Vorwand nutzen, um ihn wiederzusehen! Julia drückt es fest an ihre Brust und stellt sich vor, es wäre Romeo… Moment, auf keinen Fall! Dieser picklige Trottel sieht überhaupt nicht aus wie ihr Lucifer! Sie wird das Buch einfach irgendwann zurückgeben. Vielleicht.
Hm. „Romeo und Julia“, was? Klingt… nett.