Wenn Stärke zerbricht

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Lilli, 14 Jahre

Um drei Uhr morgens war die Stille dem Lärm gewichen. Eine Stimme, die mir vertraut war und mich dennoch erzittern ließ, hallte durch das Haus. Eine Tür krachte. Ein Glas zersprang. Schwere Schritte setzten sich auf dem Flur in Bewegung. Dann fiel mein Name.
Die Wände rückten immer näher. Oder bildete ich mir das bloß ein? Meine Knie gaben nach, und für einen Moment musste ich mich an der Wand abstützen. Alles um mich herum wurde zu laut, während mein eigener Verstand langsam verstummte.
Eine eisige Kälte strömte durch jede Faser meines Körpers, obwohl die Nacht mild war. Meine Finger umklammerten krampfhaft die Kette, die mir meine Mutter vor ihrem Tod geschenkt hatte. Es war eine feine goldene Kette mit einem Knotenanhänger. Meine Mutter hatte diesem Knoten immer eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Für sie symbolisierte er Stärke und innere Standhaftigkeit. Doch von dieser Stärke, an die sie so fest geglaubt hatte, war in mir nichts mehr zu finden.
Tränen verschleierten meine Sicht, während ich für einen Augenblick den Halt verlor. Alles, was eben noch vertraut gewesen war, fühlte sich plötzlich fremd an.
Meine Beine bewegten sich, bevor mein Verstand ihnen folgen konnte. Jeder Stein, jede Wand, jedes Geräusch schien mich enger zu umschlingen.
Ich musste fort.
Fort aus diesem Haus.
Ich verließ das Haus und rannte zur nächsten Haltestelle, als würde ich vor etwas fliehen, das sich längst in mir befand. Dort stieg ich in den ersten Bus, der kam. Wohin er fuhr, wusste ich nicht, und in dem Moment war es mir auch völlig gleichgültig.
Der Bus war nahezu leer. Lediglich eine alte Dame saß in der Mitte des Busses. Ich setzte mich ans Fenster, ihr gegenüber, und starrte hinaus. Die Dunkelheit wurde ausschließlich von vereinzelten Straßenlaternen durchbrochen.
An der nächsten Haltestelle stieg eine Gruppe Jugendlicher ein, die sich sofort nach hinten in den Bus verzog. Einen Augenblick lang beneidete ich sie um ihre Leichtigkeit, obwohl ich nicht wusste, welche Geschichten sie selbst mit sich trugen.
Die alte Dame sah mich länger an, als es eigentlich üblich gewesen wäre. In ihren Augen lag ein Ausdruck, den ich nicht einordnen konnte – vielleicht Mitleid, vielleicht Vertrautheit. Schließlich blieb ihr Blick an der Kette um meinen Hals hängen, als hätte sie darin etwas wiedererkannt.

„Die Nacht trägt etwas Besonderes in sich, nicht wahr?“, fragte sie mit leiser, beinahe wissender Stimme.
Ich brachte kein Wort über die Lippen und beschränkte mich auf ein stummes Nicken. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, ihre Stimme schon einmal gehört zu haben. Mein Blick wanderte wieder zum Fenster. Sanft ergriff die Frau erneut das Wort:
„Wir wären alle trostlose Gestalten, wenn Stärke bedeuten würde, niemals schwach sein zu dürfen.“
Ihre Worte machten mich aufmerksam. Ich wollte mich gerade zu ihr umdrehen, doch in diesem Moment hielt der Bus und sie stieg aus. Nach kurzem Zögern folgte ich ihr.
Draußen suchte ich nach ihr, doch sie war bereits verschwunden. Ich wollte unbedingt mit ihr sprechen. Woher wusste sie, welche Worte mich erreichen würden? Und warum interessierte sie sich so sehr für meine Kette? Irgendwie bewunderte ich sie, aber warum?

Unruhig suchte ich die Straße ab, doch von ihr fehlte jede Spur. Es war, als wäre sie nie da gewesen – als hätte die Wirklichkeit ihre Anwesenheit ausgelöscht.
Ich suchte nach einer Erklärung. Vielleicht hatte ich sie nur aus den Augen verloren. Vielleicht war sie einfach weitergegangen, ohne dass ich es bemerkt hatte.
Hatte ich mir das alles nur eingebildet?
Aber ihre Worte waren noch immer da. Zu klar, zu lebendig und zu bedeutungsvoll, um sie einfach als eine Täuschung meiner Gedanken abzutun.
Ich ging noch eine Weile durch die leeren Straßen. Es war etwa halb fünf, als die ersten Sonnenstrahlen die fremde Stadt erhellten.
Ich dachte über die Worte der Frau nach. Vielleicht hatte ich meine Mutter nie richtig verstanden. Vielleicht geht es nicht darum, allem zu trotzen, alles auszuhalten und immer standhaft zu bleiben. Aber warum hat meine Mutter es dann immer versucht? Oder hatte sie das vielleicht gar nicht? Heute hatte ich zum ersten Mal nicht versucht, meine Gefühle zurückzuhalten. Ich hatte sie zugelassen, hatte mich von ihnen überwältigen lassen – und trotzdem war ich noch hier. Vielleicht war genau das Stärke. Nicht, alles auszuhalten, sondern sich selbst zu erlauben, es einmal nicht zu können.