König

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Serafim Schirmer, 16 Jahre

So still war es, als ich im Verborgenen beobachtete, wie mein Vater das letzte Mal in seinem eigenen Bett lag. Ohne jede Bewegung, beinahe friedlich. Die ganze Wohnung war mit jener erdrückenden Stille erfüllt, in der jeder noch auf etwas hoffte, obwohl längst niemand mehr wusste, worauf zu hoffen war.
Dann stand er auf – und für einen Augenblick zerschlug er die Stille.
Nicht jenes morgendliche Aufstehen, das den Geist zurück ins Leben zwingt. Nein. Es war sein Kampf gegen den Tod.
Er wollte nicht sterben. 
Mit seiner letzten Kraft trieb er sie von sich, ja sie - La Mort -, die längst bei ihm zu stehen schien, als sei sie schon immer dort gewesen und hätte nur auf ihn gewartet. Man könnte fast meinen, sie wolle einen mit ihren kühlen Fingern nur zärtlich umgarnen. 
„Er lebt noch, verdammt nochmal!“, will ich ihr entgegenbrüllen. „Er lebt und wird auch weiterleben. Nur ganz kurz ist er weg, glaub mir.“
Ja, morgen liegt er schon wieder in seinem Bett. Und dieses Mal nicht mit La Mort umschlungen. Nein, sondern so, wie er immer war, mit jenem Lachen, das den ganzen Raum erfüllte und schon so lange nur noch in meinen Ohren widerhallt.
Nun sitze ich in einem anderen Raum. Die Tür ist zu, alle Stimmen sind verstummt. Ich sehe hinaus ins Freie und denke an Marcel Proust. Auf dem MacBook läuft ein Beitrag über ihn.
Die Klingel läutet.
Ich schrecke nicht auf. Schließlich weiß ich doch genau, wer gekommen ist.
Vom Flur höre ich eine tiefe Männerstimme brummen. Dann eine andere. Sind es zwei, drei? 
Nur den Mac stelle ich lauter.
Bitte, bitte, du willst es doch nicht hören!
Doch in mein Versteck dringen alle Stimmen, jedes Geräusch. Die Tür ist geschlossen, und dennoch scheint es, als hätte La Mort sie einen Spalt weit geöffnet – gerade weit genug, dass  jedes Wort zu mir findet.
Bitte nicht. Warum jetzt schon?
Gib ihm noch ein wenig. Noch einmal mit ihm sein. Noch einmal sein Lachen hören. Noch ein letztes Mal glauben dürfen, es sei noch nicht vorbei.
„So, jetzt nehmen wir Sie vorne. Mein Kollege stützt Sie von hinten. Ganz langsam die Treppen hinunter.“
Die Worte dringen bis zu mir vor.
Ich stelle Proust noch lauter. Nur Proust will ich hören, nichts anderes. Die Zeit festhalten, wenigstens nur für einen Augenblick. Doch dazwischen höre ich meinen Vater. Sein Stöhnen.
Mit jeder Stufe scheint er sich weiter hinunterzerren zu müssen. Ganz langsam. Stufe für Stufe. Immer tiefer. Immer weiter fort.
Als die Geräusche allmählich immer blasser werden und schließlich verstummen, halte ich es nicht mehr aus. Ich muss ihn sehen. Ich stürze zum Fenster. Mir ist übel, doch auf eine Weise,  die ich bis dahin nicht gekannt habe. Als hätte sich etwas in meinen Hals gedrängt und von dort immer tiefer in meinen Magen gefressen. Sie. Kotzen will ich. Einfach alles aus mir herauskotzen.
Der Krankenwagen steht auf der anderen Straßenseite. Das ist mir nicht genug, ich will ihn noch einmal wirklich sehen. Ich trete ins Treppenhaus und da ist es wieder: von unten sein Stöhnen, dazwischen einzelne Worte der Männer. Langsam beuge ich mich über das Geländer und blicke hinab. Aus weiter Entfernung sehe ich seinen fast kahlen Kopf. Sie haben ihn inzwischen auf eine Art Stuhl geschnallt. Ein Brummender trägt vorne, ein anderer hinten. Und während sie ihn so die Treppe hinuntertragen, kann ich nur einen einzigen Gedanken fassen:
Der König wird von seinen Untertanen hinausgetragen und zur Kutsche gebracht! 
So also verlässt er dieses Haus.
Durchs Fenster sehe ich, wie sie ihn zum Wagen tragen. Und dort auf diesem Stuhl, angeschnallt und zu schwach zum Gehen, hat er auf einmal etwas Stolzes. Auf einer Sänfte tragen sie ihn. So hatte er sich doch immer erträumt, denke ich. Als König. Die Türen des Wagens schlagen zu. Vielleicht siehst du ihn jetzt gerade zum letzten Mal. Er soll mir doch bitte als König bleiben. Dann fährt die weiße Kutsche davon. 
Die Morgensonne fiel auf den Baum vor dem Haus und seine Blätter warfen Schatten auf die leere Straße. Ich ging dieselben Treppen wieder hinauf, über die sie ihn eben hinuntergetragen hatten. So wie an jedem Tag schloss ich die Wohnungstür leise hinter mir. Schlecht war mir noch immer. Etwas von ihr war in mir zurückgeblieben, irgendwo zwischen Hals und Magen. 
Ich ging in die Küche. Am Tisch saß meine Schwester und sah mit blassem Gesicht durch mich hindurch.
Sie weinte.

Autorin / Autor: Serafim Schirmer