5
Mein freudiges Lachen hallte über die grüne Wiese, die sich um mich herum erstreckte und nur von dem kleinen Bach begrenzt wurde, der wenige Schritte vor mir sanft plätscherte.
Ich trug mein liebstes Sommerkleid, das mit den bunten Blumen darauf, während ich meine Hand langsam über Fees mattschwarzes Fell gleiten ließ.
Das kleine Kätzchen erwiderte die Geste mit einem zufriedenen Schnurren und sah mich aus ihren mondhellen Augen heraus an.
Ich beobachtete gerade noch, wie sie ihre kleinen Pfoten nach dem Stängel einer Blume ausstreckte und begann, mit ihm zu spielen, als die helle Stimme meiner Mutter mich aus meiner kleinen Sommerwelt riss.
„Essenszeit! Komm rein. Du kannst nachher wieder mit Fee rausspielen.“
Ich drehte mich zum Ursprung der Stimme, dorthin, wo meine Mutter mit einem breiten Lächeln in der Gartentür stand.
„Na komm, Fee, es gibt Essen“, rief ich, als ich aufsprang.
Jauchzend ließ ich mich in die sich vor mir öffnenden Arme fallen, was meine Mutter dazu veranlasste, mich einige Male in der Luft herumzuwirbeln.
„Dieser Sommer wird niemals enden!“, jubelte ich und machte mich gemeinsam mit Fee auf den Weg zum Esstisch.
14
„Katy, kommst du?“, rief Lea, als sie vor mir zum Bach stürmte und Sekunden später bereits mit den Füßen im Wasser stand.
Lachend beobachtete ich meine beste Freundin, bevor auch ich mich der kühlen Verlockung des klaren, kalten Wassers hingab, das auf mich wartete.
„Mwa.“
Fees kaum zu überhörendes Maunzen ließ meinen Kopf in ihre Richtung herumwippen, als ich sie dabei beobachtete, wie sie mit einer Grazie, die wohl nur Katzen aufzubringen vermochten, über einen dünnen Ast lief, der am Rand des Ufers aus einem Baum ragte.
„Aww, Feechen.“
Leas glückliche Stimme erfüllte die warme Sommerluft, und mein Blick glitt wieder zu ihrer im Wasser watenden Gestalt, als sie sich auf den Weg zu Fee machte.
Um uns herum vernahm ich das Rascheln der Blätter. Der Wind jagte durch ihre Kronen und ließ sie wirken, als würden sie ein Lied des Sommers singen.
„Oh ja, wer ist ein gutes Kätzchen?“
Lea, die inzwischen am Ast angekommen war, hatte begonnen, die stetig schnurrende Fee mit bestimmten Bewegungen ihrer Hand zu streicheln, als sie wieder zu mir blickte.
„Na komm schon her, Kat. Wir haben endlich Sommerferien, das müssen wir feiern! Endlich keine langen Schultage mehr. Nur sechs Wochen Freiheit, in denen wir machen können, was auch immer wir wollen.“
Bei Leas Worten musste ich grinsen, während ich mich schnellen Schrittes aufmachte, sie zu erreichen.
Sechs Wochen Freiheit.
Ich lächelte.
18
Um mich herum zirpten die Grillen ihre nächtlichen Serenaden, während die Sommerbrise durch das Blätterdach strich.
Ich saß am Rand der Wiese, dort, wo der kleine Bach zwischen den Bäumen hindurchführte, und strich mit den Fingern über die Halme, ohne wirklich etwas zu berühren.
Der Mond spiegelte sich auf dem Wasser und ließ den Bach aussehen, als wäre er mit silberner Seide bedeckt. Zwischen den Blättern brachen hin und wieder kleine Lichtsplitter hervor.
Früher hätte ich hier gesessen und mir gewünscht, dass die Nacht niemals endete.
Früher hätte ich geglaubt, dass Fee morgen wieder auf meinem Schoß liegen würde.
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Es war seltsam. Der Baum war noch da. Der Bach war noch da. Das Haus stand noch an derselben Stelle. Selbst die Wiese schien sich gegen die Jahre zu wehren.
Nur wir waren weniger geworden.
Lea war vor drei Jahren weggezogen.
Anfangs hatten wir uns jeden Abend geschrieben. Dann nur noch an den Wochenenden. Irgendwann waren aus Wochen Monate geworden, und aus unseren langen Nachrichten kurze Glückwünsche zum Geburtstag.
Fee war geblieben, bis die Zeit sie einholte.
Ich öffnete die Augen und sah hinüber zum Wasser.
Sechs Wochen.
Als Kind hatten sechs Wochen sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Jetzt konnte ein ganzes Jahr verschwinden, ohne dass ich bemerkte, wie es vergangen war.
Ich musste an meine Mutter denken. An ihre Stimme aus der Gartentür. An das Sommerkleid mit den bunten Blumen. An zwei kleine Pfoten, die nach einem Blumenstängel schnappten.
Ich hatte damals gelacht, als ich gesagt hatte, dieser Sommer würde niemals enden.
Vielleicht hatte ich nicht verstanden, dass Sommer nicht deshalb enden, weil diese vergeht.
Vielleicht enden sie erst dann, wenn man bemerkt, dass man nicht mehr das Kind ist, das sie erlebt hat.
Ein leises Rascheln ging durch das Gras.
Für einen Augenblick wandte ich den Kopf, fast erwartend, zwei mondhelle Augen zwischen den Halmen zu sehen.
Doch dort war nichts.
Ich lächelte trotzdem.