Der Abschied
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Malika Siddique, 21 Jahre
Wir hatten beschlossen, dass es ein schöner Tag werden sollte. Unser letzter gemeinsamer Tag. Also hatten wir am Morgen eine Liste geschrieben: Unser Lieblingscafé, der See, der Spielplatz und zum Abschluss ein gemeinsames Foto. Wir wollten Erinnerungen schaffen. Als wäre ein Abschied leichter, wenn man genügend davon gesammelt hatte. Als würde es etwas an der Tatsache ändern, dass es ein Abschied war.
Unser Pech begann, als die Kette meines Fahrrads absprang. Wir mussten uns spontan dazu entscheiden, den Bus zu nehmen. Er kam nicht. Der zweite Bus war dann voll, sodass wir die ganze Fahrt stehen mussten. Ein Baby war am Schreien, eine Mutter schimpfte ihr Kind aus und ein Mann telefonierte so laut, dass man seine Stimme bis ans andere Ende des Busses hörte. Es war zum Kotzen.
Wir kamen kurz vor Ladenschluss im Café an. Bei unserem Glück fiel der Kakao auf meine weiße Hose. Wir sahen uns an und fingen an zu lachen. Nicht weil es lustig war, sondern weil wir die Situation nicht mehr ändern konnten. Später stritten wir darüber, welchen Weg wir zum See nehmen sollten. Als wir dann ankamen, begann es zu regnen. Wir konnten ein kleines Vordach finden und sahen schweigend auf das Wasser. Der See war der Ort, an dem wir uns so gut wie immer trafen. Es sollte uns glücklich machen. Aber ich spürte nichts davon.
„Irgendwie läuft heute alles schief“, sagte sie betrübt. Sie hatte recht. Aber wir hatten noch den ganzen Abend Zeit.
Den ganzen Abend. Als könnten wir den Abschied einfach weiter hinauszögern.
Völlig durchnässt gingen wir zum Spielplatz. Beim Laufen grub sich der Sand in unsere nassen Schuhsohlen. Wir setzten uns auf die Schaukel und schwangen stumm nebeneinanderher. So wie wir es früher gemacht hatten. Für ein paar Sekunden war tatsächlich alles wie früher. Aber ich wusste, es würde nie wieder so wie früher sein.
„Wir müssen noch ein Foto machen!“, sagte sie und sprang von der Schaukel.
„Warum brauchen wir ein Foto?“
„Damit wir uns später daran erinnern.“
Da war es wieder. Ein unangenehmes zusammenziehen tief in mir. So wie auch beim Erstellen der Liste gefühlt hatte.
„Ich will kein Foto.“
Sie sah mich verwirrt an.
„Ich will überhaupt nichts“, gab ich zu und sprang ebenfalls von der Schaukel.
„Ich will diesen Tag nicht schöner machen.“
Sie sagte nichts, also sprach ich weiter.
„Ich will nicht so machen, als wäre alles okay. Ich will kein Lachen vorspielen, nur damit wir irgendwann auf einem Bild sehen können, wie schön dieser Tag war!“
Meine Stimme brach und ich atmete tief durch.
„Ich bin wütend! Ich bin wütend auf dich!“
Ich wischte mir über die Augen, als ich weitersprach:
„Und ich hasse mich dafür. Ich hasse mich, weil ich mich nicht für dich freuen kann.“
Sie sah mich nur an, ohne sich zu bewegen.
„Ich fühle mich so, als wird mir das Wichtigste im Leben weggenommen. Du bekommst ein neues Leben. Neue Schule, neue Freunde. Menschen die besser zu dir passen als ich.“
„Das stimmt nicht. Ich werde dich immer brauchen“, sagte sie schnell. Ich spürte ihre Hand an meiner Schulter und sah auf.
„Vielleicht wirst du irgendwann glücklicher ohne mich und merkst, dass du mich überhaupt nicht brauchst.“
„Du wirst immer meine beste Freundin sein. Ich wollte nie, dass du glücklich für mich bist.“
„Ich will nicht, dass du gehst.“ Zum ersten Mal sprach ich meine Gedanken aus. Nicht mehr wütend. Nur verzweifelt.
„Du musst heute keine schönen Erinnerungen sammeln. Du musst dich nicht freuen, nur weil ich gehe“, sagte sie ruhig und sie nahm mich in den Arm.
Den ganzen Tag hatte ich versucht, einen schönen Abschied zu planen. Ich wollte, dass wir schöne Erinnerungen hatten und irgendwann auf den Tag zurückblicken könnten. Weil ich dachte, so würde es weniger weh tun.
Wir blieben also noch eine ganze Weile auf dem Spielplatz. Wir sprachen über vieles, das noch nicht gesagt worden war. Wir weinten und lachten. Wir waren nass, hatten rote Augen und unsere Kleidung war schmutzig. Die List war nur halbwegs erfolgreich und wir hatten kein Foto. Aber das war völlig gleichgültig. Ich wusste, dass ich mich an diesen Tag erinnern würde. Eine Erinnerung musste nicht schön sein. Sie musste nur ehrlich sein. Und vielleicht würde ich mich nur deshalb an den Tag erinnern, an dem meine beste Freundin ging. Weil ich zum ersten Mal aussprechen konnte, dass ich wütend war. Wütend, weil ich meine beste Freundin so sehr liebte, dass ich mit meinen Gefühlen nicht umgehen konnte. Und vielleicht war genau das die Erinnerung, die wir gesucht hatten.
Alle Infos zum Wettbewerb
Autorin / Autor: Malika Siddique