Das Piepen ertönte immer wieder. Es war regelmäßig. Das war gut. Es bedeutete, dass sie lebte. Der beißende Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft, ächzte meine Nase seit drei Tagen regelrecht weg. Seit drei Tagen hatte ich das Krankenhaus nicht verlassen. Es sah aber auch nicht so aus, als würde das in nächster Zeit geschehen. Ich seufzte laut auf, resigniert, und fuhr mit einer Hand über mein Gesicht. Mein Bart kratzte, seid Tagen war er nicht mehr rasiert worden. Im Allgemeinen, ich sah schrecklich aus. Und ich war so schrecklich müde. Wahrscheinlich nickte ich deshalb ständig ein.
Es klopfte, mehr war es aber eine Vorwarnung statt einer Frage, ob man hereinkommen könnte. Eine Krankenschwester hastete in das Zimmer. „Herr Külper, ich muss einmal den Tropf und die Flüssignahrung wechseln. Wenn Sie möchten, können Sie sich kurz einen Kaffee holen, es ist jemand bei Ihrer Tochter.“ Dankbar nickt ich ihr zu und stemmte mich von dem unbequemen Stuhl hoch.
Die Kaffeemaschiene stand im Erdgeschoss, ich musste also drei Stockwerke nach unten. Statt wie üblich die Treppe zu nehmen, drückte ich den Knopf des Fahrstuhls. Mir war nicht danach mich zu bewegen. Die Türen öffneten sich und eine Frau, eine sehr erschöpfte Frau, schob einen Rollstuhl heraus. In dem Rollstuhl saß ein Mädchen, vielleicht vierzehn Jahre alt, mit einer Sonde. Ihr Gesicht war eingefallen und die dunklen Schatten unter ihren Augen waren nicht zu übersehen. Wie bei meiner eigenen Tochter. Ich nickte der Frau zu und sie lächelte leicht. Vielleicht das schönste, was mir in den letzten Tagen begegnet war. Ich stieg selber in den Fahrstuhl und starrte auf die Schiebetür, nur um mich nicht selber im Spiegel betrachten zu müssen.
Wie in Trance holte ich einen Kaffee. Nein ich holte zwei Kaffee. Hinter mir stand die Frau aus dem Fahrstuhl, sie hatte ihre Tochter vermutlich auf Station abgegeben, und ich hatte tief in mir das Gefühl, sie bräuchte eine nette Geste. Lächelnd hielt ich ihr den Becher hin. Sie lächelte wieder, diesmal nicht ganz so erschöpft. Jetzt konnte ich ihre geschwollenen Augen sehen, das Krankenhauslicht ließ die Schatten unter ihren Augen noch dunkler wirken, als sie wahrscheinlich sowieso schon waren. „Danke.“ Es klang aufrichtig, wenn auch erschöpft. Wortlos und ohne uns abgestimmt zu haben schlenderten, ja, ich hastete nicht durch die Gänge, in Richtung einer Bank.
„Was bekommen Sie für den Kaffee?“ „Nichts.“ Wieder trat Stille ein.
„Warum?“, fragte sie. „Weil ich dachte, sie könnten ihn gebrauchen.“ Sie lachte.
Ich konnte nur nicht einschätzen, ob es amüsiert oder beleidigt war.
„Sie scheinen zu wissen wovon Sie reden.“ Ich nickte. „Wahrscheinlich ist das so.“
Müde lächelte ich und ein mitfühlender Ausdruck legte sich sanft über ihre Züge.
„Auch Ana?“ Wieder nickte ich.
„Seit sechs Jahren. Durchschnittliche Heilungszeit schon fast überschritten“, sagte ich sarkastisch. Jetzt nickte sie, als wüsste sie genau, wovon ich sprach.
„Es ist frustrierend. Der zweite Aufenthalt hier“, sagte sie. Und ich wusste ganz genau wovon sie sprach. Ich saß zum vierten Mal in dieser Klinik, zum siebten mal überhaupt in irgendeiner Klinik.
„Manchmal frage ich mich, ob es irgendwann aufhört.“ Ihr Blick glitt aus dem Fenster. Die draußen scheinende Sonne passte nicht zu der drückenden Stimmung im Haus.
„Ich hoffe es. Jeden Tag. Aber ich habe auch jeden Tag Angst, dass es niemals endet. Beziehungsweise, dass es endet. Endgültig.“ Tränen sammelten sich bei meinen Worten in ihren Augen, aber dennoch strahlte sie etwas Beruhigendes aus.
„Ich möchte nur meine Tochter zurück. Sie ist nicht mehr sie selbst.“
Diese Frau, ich kannte nicht einmal ihren Namen, sprach mir aus der Seele. Mein Mädchen war nicht mehr die, die sie einmal war. Sie war nicht mehr fröhlich, sie sang nicht mehr beim kochen, sie schrie jetzt wegen jedem ach so kleinem Tropfen Öl. Sie war nichts weiter als eine leere Hüle ihrer selbst und das als Papa jeden Tag zu sehen, höhlte mich selbst von innen heraus aus. „Eine Therapeutin von Lizzy sagte mal: ,Nach jedem Tal kommt auch ein Hoch, nochso anstrengend der Weg auf den Berg auch sein mag.‘ Es ist nicht nur ihre Tochter die kämpft. Sie kämpfen auch Tag für Tag und Sie können genauso stolz auf sich sein, wie Sie auf jeden Fortschritt Ihrer Tochter stolz sind. Jeden Tag.“ Sie stand auf und wand sich zum gehen. „Danke für den Kaffee. Ich denke, wir sehen in den nächsten Wochen noch ein paar Mal.“ Ich lächelte ihr zu und sah ihr nach, wie zum Fahrstuhl lief.