„Seht ihr dort hinten den prächtigen Fluss? Er entspringt auf dem Berg, wo dereinst unser König Theodebert den Riesen erschlug. Sein Weg führt ihn an reichen Feldern vorbei, durch Waldesgrün hin zur Inselburg, wo Konradin und Guntram, sich um das Erbe ihres Vaters streiten.“
„Ok danke, Benjamin“, ruft Christina, die Regisseurin.
Während ich am prächtigen Fluss bastle, der bisher nur nach einem Schlauch aus blassblauen Mülltüten aussieht, höre ich Christina mit ihrem Regieassistenten tuscheln.
„Mir reicht’s“, sagt Benjamin, „Ich bin raus.“ Schon ist er weg.
„Hey, Regie! Machen wir weiter? Ich bin extra nochmal in die Schule gekommen.“
In zwei Wochen ist Auftritt. Die Schauspielenden spielen alle für sich, anstatt zusammen, wie eine Band, die nicht aufeinander hört. Und das Bühnenbild? Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir kaum vorstellen, dass wir es noch rechtzeitig schaffen.
„Das geht doch nicht!“, der Konradin-Spieler zieht eine missmutige Schnute. Aber Recht hat er. Benjamin ist ja nicht einfach nur der Erzähler der Geschichte, sondern auch der Gaukler, der Konradin und Guntram wieder zusammenführen soll.
„Scheint mir jetzt kein herber Verlust zu sein.“ Maxims Worte, er spielt Guntram, rufen nur mildes Entsetzen hervor.
Ich raschle unbeteiligt mit meinen Mülltüten.
Ein Ersatz muss her. Es entbricht ein hektischer Tumult, in dem viele Namen fallen und sogleich wieder verworfen werden. Eine Lösung finden sie nicht.
Ich könnte einspringen. Denke ich still bei mir. Ich meine, theoretisch.
Tatsächlich fällt mein Name. „Ludwig.“, sagt der Regieassistent, „Könntest du Benjamins Rolle nicht übernehmen?“
Ich lächle verlegen. „Das geht nicht.“ Die aufkommende Stille will mir eine Entschuldigung abringen. „Wirklich nicht.“
Vermutlich ist es nur der Pragmatismus, der aus ihnen spricht. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass sie mich spielen sehen wollen?
Ich liege in meinem Bett, denke nach. Juckt es mir in den Finger, weil ich das wirklich will oder ist es nicht viel mehr ein verschobenes Pflichtbewusstsein? Ich will das Ensemble nicht hängen lassen.
Ich wälze mich herum, drücke meine Plüschente in meinen Magen. Ich will ihnen helfen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Soll Christina sich doch darum kümmern. Ich bin nur der Bühnenbildner. Ich sollte mich auf den Fluss konzentrieren.
Die nächste Probe steht an.
Während ich Kartons zu einem Schlosstor staple, proben Konradin und Guntram ihr Wortgefecht, das sich zuletzt in einem Duell entlädt. Beide ziehen die Pistolen vor drei und erschießen dadurch den Gaukler, den der Regieassistent spielt. Wenn auch nur für die Proben.
Ich baue unbeirrt an meinem Schloss. Sie tuscheln über mich. „Ist echt schade, dass er nicht will.“
Auch dieser Versuch, meine Rampensau herauszukitzeln, wird vorbeigehen. Ich muss es nur aussitzen und abwarten.
Nach der Probe setze ich mich ins Publikum. Die Landschaft sieht aus wie eine überlebensgroße Reproduktion einer Kinderzimmerspiellandschaft aus Bauklötzen und Krepppapier. Im schummrigen Probenlicht entdecke ich ein Buch. Der Besitzer lässt nicht lange auf sich warten.
„Danke. Du weißt ja gar nicht…“ Ein breites Grinsen unterbricht den Regieassistenten. „Sorry. Vielen Dank.“
Ich reiche ihm sein Buch. Vielleicht sollte ich nochmal nach seinem Namen fragen.
„Ludwig, richtig?“, sagt er.
Als ob er das nicht wüsste. „Gret Ahorn.“
„Hm?“
„Dein Buch. Ich kenne die Autorin.“, sage ich.
„Ich hab sie richtig gern. Ihren Schreibstil… Er ist so harmonisch.“
„Ich…“ Und da passiert etwas Seltsames. Anstatt ihm zu sagen, dass ich den Schreibstil stereotypisch unbescholten und plump finde, sage ich: „Ich mag sie auch.“
Sein aufkommendes Lächeln vermag es kaum, unter seiner Nase Platz zu finden.
„Du weißt, wie sehr wir dich schätzen?“
Ich weiß, dass er mir Honig ums Maul schmiert. Und es nervt, dass das wirklich funktioniert.
„Ohne dein Bühnenbild…. Ich meine, das hätte doch keinerlei Rahmung. Dann hinge alles im luftleeren Raum, wie… wie nasse Wäsche.“
Ob er wohl noch die Kurve bekommt.
„Aber es braucht eben auch einen starken Erzähler. Ohne den ist das ganze schöne Bühnenbild vollkommen umsonst gewesen. Kurzum: Wir brauchen dich.“ Er räuspert sich. „Ich brauche dich.“
„Das ist sehr nett, aber ich kann wirklich nicht.“
Der Regieassistent drückt meine Hand. „Bitte.“
Jetzt stehe ich also in diesem bescheuerten Kostüm auf der Bühne. Ich werde es nicht mögen. Ich kann das Spielen nicht leiden. Wozu es also noch versuchen?
Weil der Regieassistent mich gebeten hat. Er braucht mich.