Musikanten für einen Tag
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Marius Kirchmann, 25 Jahre
Ein halbes Jahr bin ich nun schon auf der Schule. Wir haben Musikunterricht und ich sitze an der Wandseite, mein Blick ist direkt auf die Bäume gerichtet. Diesen einen Baum habe ich genauso oft gesehen, wie die Gesichter im Klassenraum, dennoch fühlt sich der Baum vertrauter an. Vielleicht, weil er nicht zurückschauen kann, um mich bei meinen Tagträumen zu erwischen oder ein Gespräch aufzubauen. Tagträume... ich sollte meinen Blick wieder in den Raum richten, bevor meine Befürchtung wahr wird. Moment... es ist wahr, ich werde angestarrt und habe es nicht bemerkt. Überraschend bleibt mein Herzschlag unverändert. Ich bin froh, dass es nicht mein Lehrer, sondern ein Mitschüler ist. Und er sitzt auf der anderen Seite, also wird er vermutlich ein Gespräch anfangen können, ohne von Herr Werner unterbrochen zu werden. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber meine Muskeln entspannen sich und mein Puls ist noch immer stabil. Es ist das erste Mal, dass ich einem Blickkontakt nicht ausweiche. Niemals habe ich erwartet, heute einen Starrwettbewerb zu veranstalten. Wir kneifen unsere Augen etwas zusammen, um ein Blinzeln zu verhindern. Sein Sitznachbar wird auf unser Duell aufmerksam, dreht seinen Kopf und wechselt sekundenweise zwischen ihm und mir, als würde er die Aufgabe des Schiedsrichters einnehmen: Wer zuerst blinzelt, verliert. Nach einer halben Minute muss ich mich geschlagen geben. Doch das Duell hat ein Schmunzeln in drei Gesichtern erzeugt und nebenbei hat unser Lehrer nichts bemerkt.
Ach stimmt, wir sitzen noch immer im Unterricht. Worum geht es gerade? Herr Werner gibt unsere Aufgabe der kommenden Wochen bekannt. Das Thema ist Songwriting und in Kleingruppen werden wir unsere eigenen Songs schreiben. Alle beteiligen sich entweder durch Gesang oder durch das Spielen eines Instruments. Meine Gruppe habe ich glücklicherweise vor wenigen Sekunden gefunden: Mein Duellpartner im Wettstarren und der unparteiische Schiedsrichter.
Wochen voll klangvoller Arbeit vergehen...
Mittlerweile habe ich die Seiten gewechselt. Ich bin von der Wandseite zur Fensterseite des Raums transferiert und habe das Schweigen durch den Einsatz meiner Stimmbänder ausgetauscht… zumindest zeitweise. Wir nehmen unsere Aufgabe so ernst, dass wir uns einen Bandnamen überlegen. Wir sind eine Boygroup, für einen One-Hit-Wonder beauftragt worden, treten in einer geschlossenen Gesellschaft auf und behalten unser Notenpapier voraussichtlich vor der Nachwelt geheim. Dennoch wollen wir bei unserem Auftritt nicht ohne Gruppenidentität erscheinen. Der Druck der schwindenden Zeit verlangsamt unser Denken. Wir verlagern unsere Namensfindung auf den Abend, digital, in unsere Chats – hier kann auch niemand unsere Ideen stehlen... Als es mein Gehirn zurück in alte Gewohnheiten zieht und Tagträume mögliche Namen von mir fernhält, hat unser Schiedsrichter die Idee: die No Name Band. So simpel und doch effektiv, ein Name für alle, denen kein Name einfällt.
Am Tag des Auftritts denkt niemand daran, uns als No Name Band vorzustellen, unsere Identität bleibt unbekannt… Nicht ganz! Zumindest auf dem Notenzettel ist unser Name verewigt und wir sind uns sicher, dass sich Herr Werner noch lange an diesen Namen erinnern wird… vielleicht auch nicht, wir werden es nie herausfinden, doch eines können wir sicher sagen, unsere Dreieinigkeit, verbunden als No Name Band konnten wir bei unserem Auftritt dennoch ausstrahlen.
Prolog
Das Ganze liegt mittlerweile knapp acht Jahre zurück und wie erwartet, ist unser Song ein One-Hit-Wonder geworden und es folgten keine weiteren Auftritte. Als Teil unserer Kennlerngeschichte wird er aber für immer unvergessen bleiben, so unvergessen, dass wir unsere Freundesgruppe weiterhin die No Name Band nennen. Es ist eine Erinnerung an drei Personen, die für einen Tag als Musikanten aufgetreten sind und seitdem ihren Musikerruhestand gemeinsam verbringen, heute und hoffentlich noch viele weitere Jahre.
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