Abendsonne scheint auf die Steine unter/neben/auf mir. Ich kratze mein Bein bis die Schuppen als Staub davonfliegen. Die Nägel zu kurz, der Mückenstich juckt unbestechlich weiter. Letzten Sommer können das niemals so viele gewesen sein.
Ich starre auf mein weiß gekratztes Bein – sehe die Haare, die laut Mutter rasiert gehörten, abgesplitterten Nagellack, fleckige Bräune – Ursprung Sonne oder Dreck? Eindeutig mein Bein also. Erwiesenermaßen also mein Bein und nicht einfach irgendeines. Mein Bein, meine Haare, mein ICH und mit einem Mal erfasst mich eine Angst: irgendwann ohne Haare, ohne ich, ohne Bein. Schließlich weiß man nie. Morgen könnte es weg sein – morgen könnte ich über eine Kreissäge stolpern oder Opfer eines Kannibalen mit Beinspezialisierung werden oder den Kampf gegen Arterienverstopfung verlieren. Morgen, bald oder spätestens irgendwann – woran denkt man in der Stunde des Todes? An das Bein im Besonderen? Woran sonst? Tod und Angst und Ohnmacht. Nicht wissen, zu viel grübeln, gar nicht mehr aufhören können mit dem Grübeln und keine Worte dafür. Da drüben geht einer. Hat er auch Angst? Angst vor Bein-, Haar-, Sichverlust? Oder findet er Trost im Nicht-Wissen? Die bessere Art zu leben vielleicht. Vielleicht die einzige. Wer kann schon leben, wenn die eigene Sterblichkeit ständig im Sichtfeld rumflattert?
Ich müsse mich nicht sorgen, wurde mir letztens von einem selbst ernannten baptistischen Missionar erklärt, der Körper sei nur die Hülle. Im Zug ist das gewesen. Auf der Strecke Maribor - Graz, irgendwann nachmittags, da hat er mir den Platz neben sich mühsam freigeschaufelt und obendrauf noch eine Bibelstunde mitgeliefert. Zu müde war ich gewesen, zu sehr zu Dankbarkeit für das sich-Mühe-machen verpflichtet, als dass ich hätte protestieren können. Wir würden die Körper nicht mehr brauchen, hatte er mir da zuversichtlich gesagt, die Seele bräuchte den Körper nicht mehr und die Vorstellung beruhige ihn. Ich starrte eisern, ohne zu blinzeln auf meine Finger. An diesem Tag vor scheinbar unendlich vielen, da war ER gestürzt. Gefallen, im freien Fall, denn Hochmut kommt vor dem Fall -so sagt man, so war es auch gewesen, dann hatte er alles verloren: Bein, Haare, Herz und mehr – fatal – alles war verloren, weil alles hatte IHN verloren und manche – ich z.B. – waren zurückgeblieben: Alles in Takt – gar kein Grund für Phantomschmerz und doch ansonsten nicht mehr viel übrig.
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Nur in meinem Kopf war ER wie vorher und er flüsterte mir zu, wir sollten uns wieder sehen. Wiedersehen mit Haut und Haaren. Wiedersehen mit mehr als Staub und Dreck, der da unter der Erde liegen sollte. Das also: meine Wahrheit, ein Sicher-Wissen, ein eben mal Durchhalten, bis es so weit war. Und jetzt? Der Körper bloß ein irdisches Hindernis. Eines, das zu überkommen es galt. Nur die Seele wichtig, eine Seele als das Ultimative. Seelen lieber ohne Körper, Gestorbenes benötigt niemand mehr, Sterbliches schon gar nicht. Also keine Hoffnung auf und auch gar keinen Grund mehr für starke Arme zum Reinspringen, für unverbrauchte Muskelmasse, einen Herz-Kreislauf der effizienten Art – nichts davon sollte wiederkommen.
Lange war es her, es war oft Frühling geworden, die Haare lang, kurz und wieder lang, aus einer Zigarette hinten am Schulhof waren zu viele geworden und bislang geglaubte Wahrheiten hatten sich als billige Pappattrappen entpuppt, aber an manchen Tagen – Tagen wie diesem – war auf einmal kein einziger Tag vergangen. Wieder sah ich IHN fallen, als wäre ich dabei gewesen, die Tränen der Leute neben/ vor/ hinter mir, sah wie sich ihr Kreis enger um mich schloss, sah mich laufen und unsichtbar werden. Damit war alles zu dem geworden, was Katzen erbrachen, wenn sie zu viel Gras gefressen hatten – und vergessen wurden (sollten sich doch die Würmer um diese hässliche Angelegenheit kümmern).
An all das denke ich also, an diesem Spätsommertag, mein Bein immer noch vor Augen, dieses Bein, das in seiner jetzigen Zusammensetzung noch nicht mal zum Erinnern alt genug ist. Alle sieben Jahre sind alle Zellen des Körpers zumindest einmal ausgetauscht worden, hat meine Biolehrerin gesagt: Jedes Einzelteil ersetzt, durch ein neueres, besseres – mein Körper 2 oder gar 3 Punkt 0. Und als SIE sich jetzt niederlässt, neben dieser neuen Version, weiß jede der neuen Zellen und sogar alle alten Überbleibsel auch, dass es vorbei ist. Sie spricht von Unnahbarkeit, von einseitigem Tauziehen, von beidseitigen Ablenkungen und ich weiß, dass es stimmt. Der Sommer ist vorbei, ich hole mich selbst wieder ein. Die Sonne scheint nicht mehr stark genug, um all die unvorteilhaften Muttermale wie Sommersprossen aussehen zu lassen und alle eingebildet ekstatische Freiheit weicht wieder dicken, warmen Decken, die in bester Absicht das Atmen erschweren. Ich kann ihr nichts entgegensetzen, nichts entgegnen – IHR nicht begegnen und so bleibe ich stumm und feig, ohne sie anzuschauen.
Am Horizont fährt ein Boot, ein rotes Blatt fällt ins Wasser und die Würmer spucken mir Katzekotzeähnliches wieder nach oben.