"Hi, ist bei dir noch frei?", fragte ich Lia, die kleine Violinistin aus der 5. Klasse.
"Ja", kam die freundliche Antwort. Ich setzte mich neben Lia und lächelte sie an. Der Bus rollte los.
"Wie lange spielst du schon Geige?", fragte ich nach einigen Minuten des Schweigens.
Smalltalk war nicht mein Ding. Ich war generell schüchtern und hatte kaum Freunde.
"Noch nicht lange. So 1,5 Jahre", antwortete Lia. Etwas überrascht erwiderte ich: "Voll gut. Kommst du im Orchester gut zurecht?" - "Manche Sachen sind schwer. Aber mir gefällt es sehr gut. Du spielst sicher schon lange Cello." Die Annahme war nicht unberechtigt. Immerhin war ich im Abijahrgang. "So lange jetzt auch nicht. Ich habe in der 9. angefangen. Und seit der 10. bin ich im Orchester. Ich finde es schade, dass ich erst so spät angefangen habe", sagte ich zu meiner kleinen Sitznachbarin.
"Wie war es, als du ins Orchester gekommen bist? Waren damals noch mehr Leute da?", wollte sie wissen und ich antwortete: "Also viel anders war es nicht. Ein paar haben Abi gemacht. Die waren mega gut. Und ihr Jüngeren seid dazugekommen."
Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass Lia und einige andere vermutlich genauso zu mir aufblickten, wie ich auf andere schaute. Zugleich mir fiel auf, wie wenig Leistungsdruck in unserem Schulorchester eigentlich herrschte. Ich konnte mich an keine Situation erinnern, in der irgendjemand überheblich gewesen wäre. Es war völlig normal, dass wir alle ein unterschiedliches Niveau hatten. "Glaubst du, dass die anderen besser spielen als du?", hatte Lia meine Gedanken erraten.
Ich umging die Frage: "Ich glaube, dass jeder richtig gut werden kann. Ich mag unser Orchester einfach. Wir sind kein Profiorchester und vom Alter total bunt gemischt. Deshalb ist es falsch zu sagen, jemand wäre schlecht. Aber ich denke, das tut bei uns eh niemand, weil alle nett sind und jeder glaubt, dass er selbst immer noch an sich arbeiten muss."
Ich dachte an den Zauber, der in der Luft lag, wenn sich 30 Instrumente zu einer Einheit verbanden. Ich liebte den gegenseitigen Respekt, die Achtsamkeit gegenüber den anderen und die Geduld aller, was besonders dann zu spüren war, wenn wir ein neues Stück anstimmten und das Meiste noch nicht klappte. Wenn man sich bemühte, soviel wie möglich zu treffen, jeder halb mit sich selbst beschäftigt war, aber die Töne trotzdem versuchten, sich zusammenzufinden, um aus dem Gewirr aus Melodiefetzen den besten Klang herauszuholen. Selbst das Gefühl, wenn unsere Lehrerin schimpfte, warum die Intonation so schlecht sei, und sich jeder angesprochen fühlte, war irgendwie besonders. Denn einer funktionierte nicht ohne die anderen und das ganze Orchester klang bei einem einzigen falsch gestimmten Instrument trotzdem schlecht. Doch wie schön war auch die Freude, wenn wir ein einfaches Stück spielten, der Moment, bei dem man anfing, in die anderen Instrumente reinzuhorchen, die Melodie endlich als Ganzes zu sehen und ab und zu über das eigene Notenpult zu blinzeln, um die Blicke der anderen, denen es genauso ging, aufzufangen.
"Am liebsten würde ich nach dem Abi noch weiter mit euch spielen", nahm ich das Gespräch wieder auf. "Stimmt, du machst ja dieses Jahr Abi!", kam die überraschte Stimme von Lia, "Das vergesse ich immer. Kannst du nicht einfach noch länger in der Schule bleiben?" Ich schmunzelte: "Ich glaube nicht. Irgendwann muss jeder einmal gehen." - "Das finde ich schade", meinte Lia.
Ich dachte an die Auftritte, die wir schon gemeistert hatten. An die lockere und routinierte Atmosphäre am Tag eines unbeschreiblichen Konzerts, auf das wir so lange hingeprobt hatten. Daran, wie wir in den Pausen der Generalproben noch immer zusammen Kartenspiele spielten und jeder willkommen war, einfach nur, weil er zum Orchester gehörte, weil wir alle in einem Boot saßen, auch wenn diese Regel nie jemand laut ausgesprochen hatte. Es war so simpel, wie ich es noch nirgendwo sonst erlebt hatte. Ich liebte es, dazu zu gehören und mit den anderen lachen zu können. Wehmütig sah ich Lia an. "Ich werde euch sehr vermissen", meinte ich mit dem Gedanken an mein letztes bevorstehendes Schulkonzert.
Jetzt, wo ich mich mit Lia unterhielt, realisierte ich einmal mehr, wie viel mir mein Hobby schenkte und wie viel mir die Menschen bedeuteten, die diese Leidenschaft teilten. Das Schulorchester war mehr als nur ein Wahlfach. Es war Teil meines Lebens. Im Orchester galten andere Regeln als im heutigen Teenager-Alltag – die der Musik. Hier musste ich mich nicht behaupten, mich nicht verstellen und konnte dennoch dazugehören.