Ich liege nachts wach im Bett, in Ungarn, wo meine Mama jetzt wohnt. Dort bin ich grade zu Besuch. Und obwohl ich noch Schlaf nachholen muss, weil ich im Nachtbus hierher nicht wirklich genug davon bekommen habe, kann ich nicht einschlafen. Meine Gedanken rennen mal wieder, drehen sich im Kreis, werden zu einem Strudel, der mich mitzieht.
Was ist, wenn ich keine Wohnung finde? Bin ich fürs neue Semester gut vorbereitet? Ich habe das Gefühl, mir geht jetzt schon die Zeit im Leben aus. Ich bin zu langsam, alles vergeht zu schnell. Und dabei will ich doch so viel erreichen. Der Sommer ist auch schon wieder vorbei. Ich muss noch einen Job finden. Und nach dem Studium, finde ich da einen? Oh man, es gäbe so viel zu tun. Meine Großtante wollte ich schon so lange besuchen, was ist, wenn sie stirbt, bevor ich es schaffe? Einen Brief an Verwandte sollte ich beantworten.
Meine Brust wird dicht, es fühlt sich an, als würde ich versagen, keine Verantwortung übernehmen.
Und vor allem möchte ich grade endlich schlafen. Aber in meinem Kopf geht es von einem zum nächsten und dann weiter. Dagegen kann ich mich kaum wehren, bin hibbelig und angekratzt. Hab ich vielleicht auch wieder zu viel Kaffee getrunken? Am liebsten würde ich alles jetzt sofort lösen. Nur gibt es Dinge, die lassen sich nicht so schnell lösen, oder überhaupt- und schon gar nicht, nur, weil ich
das jetzt will. Da muss ich an alte Freunde denken. Daran, wie sie mir von ihren Träumen erzählt haben und dass sich alles für sie ändern wird. Und ich hab es geglaubt, ich wollte es glauben; dass für alle mehr drin ist als dieses graue, zukunftslose, unselige Leben voll Rausch und Aggression. Aber das war nie meine Entscheidung. Und ist es nicht auch brutal schwer, wenn Unterstützung, Kraft und Hoffnung fehlen?
Eigentlich bin ich ja auch so zwischen den Stühlen steckengeblieben, nicht mehr so verzweifelt wie
mit 17, nicht mehr skrupellos darauf aus, mich selbst zu zerstören. Aber ich bin auch nicht diese klassische Erfolgsgeschichte, deren Leben sich von heute auf morgen komplett gewendet hat. Alles vergessen will ich manchmal immer noch gern, und diesen Schmerz tief in mir drin nicht mehr fühlen. Wo er herkommt, was er aussagt, wie oft ich mich das schon gefragt habe. Vor allem nachts im Bett.
Ich male mir aus, wie ich in meiner neuen Wohnung (falls ich eine finde) alles super ordentlich haben
werde. Gleichzeitig weiß ich doch, dass es vermutlich Tage geben wird, an denen Chaos herrschen und mir alles zu viel sein wird. Wahrscheinlich werde ich mich immer noch oft einsam fühlen, verzweifelt,
nicht richtig. Es macht mir Angst, nicht zu wissen, ob mein Leben jemals in Ordnung sein wird. Und
das ist komisch, denn ich habe genug zu essen, nie je Krieg erlebt, eine Familie, die mich unterstützt
und vieles mehr.
Aber ich musste eben auch immer, immer, immer wieder eklige, dreckige Gefühle durchhalten und
habe viel erlebt, was unverarbeitet in mir herumwabert und dann plötzlich, wie Lava in einem
Vulkan, an die Oberfläche gespuckt wird. Mit 16 habe ich gegoogelt, wie man sich selbst töten kann
und hatte monatelang Mühe, die Realität nicht zu verlieren. Mit 17 habe ich den ganzen Sommer in
einer Parallelwelt zwischen Arbeit, Konsum, harten Jungs und Scheiße bauen verbracht. Im Herbst
war ich quasi verloren, ich dachte, das wars jetzt für mich. Mit 18 bin ich zwischen Aufgeben und
Weitermachen gependelt, bis ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergehen kann und ins Ausland
geflohen bin.
Seitdem gab es viele Auf und Abs. Abs auch reichlich, aber ich habe mir verdammt nochmal den
Arsch aufgerissen, jetzt hier zu sein und mir die Chance auf eine gute Zukunft aufzubauen. Und
vielleicht wird es wirklich mal in Ordnung sein. Ich meine, solange ich hier bin, kocht mir meine
Mama leckeres Essen, wir machen Ausflüge und gehen spazieren. Ich schaffe es immer mehr, mein
Leben mit Dingen zu füllen, die mir Spaß machen: Sport, Schreiben, Sprachen. Wahrscheinlich kann
ich im Herbst eine Therapie beginnen. Und gar nicht mal mehr so oft treffe ich die denkbar
selbstschädigendste Entscheidung.
Es ist einfach alles irgendwie gleichzeitig. Mein Leben ist nicht so vorzeigbar, wie man manchmal
denkt, dass es sein müsste. Auf der anderen Seite ist es keine reine Tragödie und ich habe den
Lebenshunger, dass es auch nicht als eine enden wird. Ich weiß so vieles nicht, aber das muss warten
können. Zum Glück wird es in meinem Kopf langsam ruhiger. Puh, bin ich jetzt müde. Jetzt versuche
ich erstmal, mich auszuschlafen.