Ein Tag auf dem Mars

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von A. Wagner, 26 Jahre

«Komm, wir bewerten den Kuchen von eins bis zehn. Ich mag von jedem ein Rieeeeesenstück. Sonst zählt's nicht. Heut darf ich. Mama ist nicht da.»
Du ziehst mich energisch hinter dir her, kämpfst mit dem ganzen Gewicht deiner sechs Jahre gegen meine Schwere. Erst lehne ich mich extra hinein. Nur kurz, um deine zusammengezogenen Augenbrauen und das schiefe Lächeln zu beobachten, als du dich ganz zu mir umdrehst. Mit beiden Händen umklammerst du meinen Arm, ziehst noch fester, ehe ich den Gegendruck löse. Fast fällst du nach hinten, aber nur fast. Ich fange dich an den Schultern, natürlich tu ich das. Du kurz irritiert, deine Augen weit aufgerissen, dann ein lautes, losgelöstes Lachen – ganz plötzlich.
«Heeee, fast hättest du mich fallen lassen.»
«Niemals.»
Ich wuschle dir durchs Haar. Die Schneise, die du vor einigen Tagen mit dem Rasierer gezogen hast, ist fast verschwunden – ein Zentimeter Trotz, der schon wieder nachwächst. Du ziehst mich weiter, zu Zoe, die ich eben erst kennengelernt habe. Ich halte kurz inne, zögere – du nicht.
«Von allem eins. Wir vergeben nämlich Punkte.»

Schelmisch grinsend hältst du ihr einen eben geschnappten Einwegteller entgegen und deutest auf das gefüllte Kuchenbuffet. Sie gibt dir von allem eins. Wie verlangt. Du klammerst dich an ihren Arm, während sie dir das größte Stück der Hochzeitstorte auf den Teller schaufelt. Die Bewertung fällt leicht: die aufwendige Torte mit gesalzenem Caramel und Passionsfrucht schmeckt süsslich sauer und salzig zugleich. In zwei Bissen hast du sie verdrückt.

«Kommst du mit auf den Mars?»
«Wie komm ich denn dahin, der ist viel zu weit weg.» «Nein. Gleich da vorn.»
«Geh du und bring mir die besten Schätze mit, die du finden kannst.»
Du nimmst deinen Bruder an der Hand, das Gesicht voller Sahne. Ich jetzt in der Hängematte. Sehe zu, wie mein eigener Bruder Zoe innig umarmt. Wie leise sich das Leben wandelt. Wie Haar, das stetig nachwächst: Man sieht es nicht wachsen, doch plötzlich ist die Lücke verschwunden.

«Guck.»
Ein schneller Ausflug ans karge Ufer, wo der See sich zurückgezogen hat und Platz für Kiesbänke und trockene Erde geschaffen hat. Ein Anblick, der nun wahrlich der Landschaft eines anderen Planeten gleicht. Stolz breitest du all deine gesammelten Fundstücke vor mir aus. Ich bewundere sie, bevor der Wind dumpfe Technobeats, durchsetzt von melodischen Klängen, zu uns rüberträgt.
«Los, tanzen wir. Komm schon, los, los.»
Du wirbelst mit den Armen in der Luft. Drehst dich immer wieder um die eigene Achse.
«Wenn man so schnell wirbelt, sieht man alles doppelt, bei Mami und Papi seh ich jetzt auch alles doppelt, zwei Zahnbürsten, zwei Zimmer, zwei neue Freunde, nur die Spielsachen, die sind anders.»

Du wirst langsamer, greifst wieder nach meiner Hand. Dein Griff enger als vorhin. Die kleinen Knöchel ragen unter der braungebrannten Haut weisslich hervor. Ich schäle mich aus der Hängematte und folge dir. Im Gehen breite ich die Arme aus wie ein Vogel im Strudel des Windes. Der Bass vibriert durch meinen ganzen Körper. Ich lasse dich kreisen. Erst links, dann rechts. Bis du spielerisch zu Boden fällst, den Bauch fest umklammernd, geschüttelt von Kicheranfällen. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich den Klang deines Lachens vergessen habe. Es war lange still. Ich lache mit, frei und laut, ziehe die Baskenmütze aus und zeige dir, wie ich meinen Kopf im Takt wild auf und ab schüttle, meine blonden Haare zappeln zur Musik. Du stehst auf und spiegelst mich sogleich.

«Auaaa, das macht schwindlig. Warte, ich hol Papa und Zoe, sie müssen auch tanzen.»
Der Himmel über uns färbt sich in Rosa und Orange, durchsetzt von kleinen funkelnden Lichterketten, während der Regenbogenlaser des DJ-Pults in wilden Formen Farbstreifen über das Ufer wirft, als wäre der Mars zum Leben erwacht. Ungehemmt schwingen wir die Arme, kreisen den Kopf, die Hüften, springen auf und ab, nur du, ich, er und sie.

«Ich hoffe, in der neuen Schule …», beginnst du, während du dich rücklings unter meinen Armen durchschlängelst, «… finde ich endlich Freunde, die auch mit mir tanzen.»
Das Lächeln droht zu erlöschen, also werfe ich dich hoch, so hoch, dass du für einen Wimpernschlag zwischen den Sternen zu hängen scheinst. Dann fange ich dich wieder, umschließe deinen kleinen Körper und drücke dir einen dicken Kuss auf den Kopf.
«Bestimmt», flüstere ich in dein Ohr.