Verblichen

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Anna Portmann, 24 Jahre

3‘237 Bilder und 351 Videos. So viele digitale Erinnerungen befinden sich momentan in der Fotogalerie meines Handys und trotzdem würde ich dieses Gerät ohne zu zögern gegen meine gestreifte im Ausverkauf erworbene Ikea-Plastikbox umtauschen. 2 Euro 20 Cent. So viel hat letztere gekostet. Sie hat einen Kratzer auf der Rückseite, den ich erst drei Tage nach dem Kauf bemerkt habe. Der Deckel sitzt mittlerweile etwas schief und mein Bruder hat an irgendeinem Sonntagmorgen vor drei Jahren mal aus Versehen Kaffee darauf verschüttet. Die Box ist, zumindest objektiv betrachtet, alles andere als schön. Trotzdem öffne ich sie jeden Morgen, um deren Inhalt durchzugehen. Routine. Oder Notwendigkeit? So genau kann ich das mittlerweile nicht mehr sagen. Alles was ich weiß ist, dass ich dem Inhalt mehr Wert zuschreibe als meinem monatlichen Lohn. Miete kann ich damit leider trotzdem keine bezahlen.

Mit den Jahren habe ich den Inhalt auswendig kennengelernt: Der etwas verblichene Känguru-Schlüsselanhänger, der mir meine langjährige Brieffreundin 2012 aus ihrem Familienurlaub von Australien mitgebracht hat und der mir noch heute beim Briefe-Schreiben zuguckt. Die Pizzeria-Rechnung vom ersten Abend, den ich mit meinen Geschwistern allein in der Stadt verbracht hatte. Bis auf den XXL-Tiramisu, den sich meine Schwester zum Nachtisch bestellt hatte, sind alle Gerichte mit der Zeit unlesbar geworden. Auch die Quittung ähnelt mittlerweile eher einem Taschentuch als einem frisch gedruckten Stück Papier. Trotzdem versuche ich noch regelmäßig, die verschwommenen Buchstaben zu entziffern. Dann ist da noch das Sofortkamera-Foto, welches in der gleichen Wohnung aufgenommen wurde, wo man mir vier Jahre später das Herz gebrochen hat. Sowohl das Foto als auch mein Herz sind nach wie vor in einem labilen Zustand. Überleben werden es wohl beide.

In den Ecken der Kiste liegen weitere kleine Objekte. Eine Wörterliste, die ich mir für meinen ersten Frankreich-Urlaub zusammengestellt hatte. Eine handgeschriebene Einkaufs-Notiz meiner Eltern. Eine Postkarte, die ich nie abgeschickt habe. Eine andere, die verloren gegangen war und erst Jahre später doch noch bei mir zuhause ankam. Drei kleine Kuscheltiere. Ungewaschen, aber von meinem jüngeren Ich irgendwie noch immer ganz doll geliebt. Ein Freundschafts-Armband von einer Person, die mich so schnell ersetzt hat wie meine Tante das monatlich bei ihrem Gewürze-Vorrat tut. Eine halbvolle Packung Haaröl, die mittlerweile einen merkwürdigen Geruch verströmt, aber mich immer an den Sommer erinnern wird, an dem ich zum ersten Mal den Eindruck hatte, ich müsse mich verändern. Meine Nachbarin hatte mir das Öl sorgfältig mit ihren gepunkteten Gelnägeln aufgetragen und mir wiederholt versichert, wie toll ich aussehe. Den Grund für die Veränderung habe ich ihr nie genannt. Manchmal ist es einfacher, leise zu sein. Auch wenn alles in einem unglaublich laut ist. Diesen Zwang, mich zu verändern bin ich nie losgeworden. Die Erinnerungen auch nicht.

Autorin / Autor: Anna Portmann