Manchmal braucht man eine gute Freundin

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Silas, 17 Jahre

"Emilio schlägt panisch die Augen auf. Der Traum, der ihn bis zu seinem Aufwachen heimgesucht hat, steckt ihm immer noch in den Knochen. Verwirrt richtet er sich sich auf und öffnet die nach dem unerholsamen Schlaf müden Augen. Emilio ist neun Jahre alt und geht in die dritte Klasse.

Die Tür seines Zimmers geht auf. „Guten Morgen, mein Schatz.“, sagt Emilios hereinkommende Mama liebevoll. Der kleine junge nickt nur traurig. „Wie geht es dir heute?“, fragt sie leise und nimmt ihr Kind in den Arm. „Es geht schon.“, erwidert der kleine Junge. „Ich möchte in die Schule gehen.“

„Bist du sicher, Schatz? Ich kann gut verstehen, wenn du lieber zuhause bleiben möchtest.“

„Ich möchte aber gehen.“, beharrt er und steht mit noch wackeligen Beinen auf. Seine Mutter blickt ihrem starken Sohn etwas traurig hinterher.

Ein wenig später haben die Beiden gefrühstückt. „Tschüss mein Engel, bis heute Nachmittag!“, ruft ihm seine Mama noch hinterher. Dann macht er sich auf den Weg über die Brücke, auf dessen anderen Seite seine Grundschule liegt.

Florentina tippt ungeduldig mit dem Fuß auf und ab. Sie wartet jeden Morgen auf ihren gleichaltrigen besten Freund vor dem Tor der Schule. Er kommt doch sonst immer jeden Tag pünktlich, denkt das junge Mädchen besorgt. „Ich gehe schnell Emilio entgegen.“, informiert Florentina ihre zwei Freundinnen, die sie gerade getroffen haben. „Ich bin gleich wieder da.“

Sie muss nur die Brücke über den Fluss überqueren. Mindestens auf dem Weg sollte ihr ihr bester Freund entgegenkommen. Doch nach einigem Suchen findet sie ihn erst auf der anderen Seite des Flusses, wie er traurig auf einer Mauer sitzend in das dunkle Wasser des Flusses starrt. Er hält sich unsicher an einem kleinen Knauf, der aus der Mauer ragt fest.

„Emilio! Hier bist du!“, ruft sie überrascht und geht zu ihm. „Florentina!“, wundert sich der Junge. „Was machst du hier?“

„Dich suchen.“, erwidert sie und setzt sich neben ihn. „Warum siehst du so traurig aus?“

Emilio schweigt kurz, dann fasst er sich ein Herz. „Meine Cousine ist verstorben. Du weißt schon. Die schon immer neben uns wohnt.“

„Oh nein, das tut mir leid.“, murmelt seine beste Freundin leise und legt einen Arm um den kleinen Jungen neben ihr, der leise anfängt zu schluchzen. Nach einer ganzen Weile, in der sie ihn tröstet, fragt sie leise: „Weißt du, was passiert ist?“

„Das haben mir meine Eltern nicht richtig gesagt.“, antwortet er, als er sich genug fassen kann, um zu antworten. „Aber ich habe sie reden hören. Ich glaube, sie hat sich das Leben genommen. Sonst würden sie nicht so ein Geheimnis daraus machen.“

„Oh nein…“, entfährt es Florantina, die jetzt mindestens genauso traurig schaut, denn sie kannte die junge Frau. „Aber warum?“

„Das weiß ich auch nicht.“, schluchzt Emilio. „Ich weiß nur, dass meine Mama mal gesagt hat, dass sich die großen Menschen immerzu auf bunten Apps vergleichen müssen und dass das ihrem Kopf nicht gut tut. Aber ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hat.“, die Stimme des neunjährigen klingt brüchig und er muss sich sehr beherrschen, nicht wieder loszuweinen, was ihm nicht gelingt.

Florentina kuschelt sich tröstend an ihn. „Schhht…“, macht sie leise und legt den Arm um ihn, wie ihre Mutter das sonst immer bei ihr macht. „Ich bin bei dir.“
Sie bleibt neben im sitzen, bis sich Emilio wieder beruhigt hat und nicht mehr weinen muss. „Ich lasse dich nicht alleine, alles wird gut.“

„Danke.“, sagt der kleine Junge gerührt. „Es fühlt sich gut an, dass ich nicht alleine bin, sondern du da bist.“

„Das mache ich sehr gerne. Wozu sind Freunde denn sonst da?“, sagt sie mit einem Lächeln. „Komm, lass uns zur Schule zurückgehen, sie suchen sicher schon nach uns. Nicht, dass wir Ärger bekommen.“

„Ich will nicht in die Schule.“, murmelt Emilio trotzig.

„Ich durfte, als mein Opa gestorben ist, doch auch nach Hause gehen. Du durftest mich begleiten, dann war ich nicht alleine.“

„Stimmt.“, bestätigt ihr bester Freund. „Wie kommst du da jetzt drauf?“

„Wir sprechen jetzt mit Frau Kastner und dann darfst du sicher auch nach Hause. Ich werde dich begleiten und bei dir bleiben.“

„Das ist toll, Flora. Danke.“, sagt Emilio.

„Du bist doch auch immer für mich da. Hör auf dich zu entschuldigen.“, erwidert Florentina nur und sich machen sich auf den Weg zurück zur Schule.

Manchmal braucht man nur einen so guten Freund, oder eine so gute Freundin, wie Florentina, die die einem die drohenden Wolken vom Himmel vertreiben und die dunkelsten Momente zu Schönen zu machen, die einem wieder die Kraft und den Mut zum weitermachen geben.

Autorin / Autor: Silas