Kein Foto davon
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Ales K., 14 Jahre
Mein Handy lag auf dem Küchentisch. Das wusste ich genau in dem Moment, als sich die Bustüren hinter mir schlossen. Natürlich griff ich trotzdem noch mal in meine Jackentasche. Dann in die andere. Dann in den Rucksack. Vielleicht war es ja irgendwie zwischen Matheheft und Trinkflasche gelandet. War es nicht.
Zurückfahren? Keine Chance. Ich war sowieso schon spät dran. Also setzte ich mich ans Fenster. Die ersten zehn Minuten war ich komplett lost. Keine Musik. Keine Nachrichten. Nichts zum Scrollen. Nicht mal die Uhrzeit wusste ich. Schon irgendwie wild, wie komisch man sich ohne Handy fühlt. Als würde irgendwas fehlen, obwohl eigentlich alles da ist.
Irgendwann schaute ich einfach aus dem Fenster. Was sollte ich sonst machen? Ich fahre diese Strecke jeden Tag, aber plötzlich sah ich Sachen, die mir vorher nie aufgefallen waren. An einer Hauswand war zum Beispiel ein riesiger blauer Vogel. Keine Ahnung, seit wann der da war. Wahrscheinlich seit Jahren.
In der Schule wurde es nicht besser. In der Pause holten natürlich alle ihre Handys raus. Ich stand daneben und wusste plötzlich nicht mal, was ich mit meinen Händen machen sollte.
„Was machst du?“, fragte Kuba.
„Nichts.“
„Warum?“
„Handy vergessen.“
Er schaute mich an.
„Bro. Mein Beileid.“
„Sehr lustig.“
Im Unterricht griff ich bestimmt fünfmal automatisch in meine Tasche. Einmal sah es sogar unsere Deutschlehrerin.
„Suchst du etwas?“
„Nein.“
Okay, bisschen peinlich. Ich wollte ihr nicht erklären, dass ich ein Handy suche, das wahrscheinlich fünfzehn Kilometer entfernt auf unserem Küchentisch liegt.
Nach der Schule wollte ich eigentlich nur schnell nach Hause. Natürlich stand an der Haltestelle: Bus fällt aus. Perfekt. Was sonst?
„Ich gehe zu Fuß“, sagte Kuba.
„Digga, das sind fast fünf Kilometer.“
„Du hast doch Beine.“
„Ich hab null Bock.“
„Dann bleib hier.“
Okay. Also gingen wir.
Nach vielleicht fünfzehn Minuten fing es an zu regnen. Erst nur ein bisschen und dann richtig heftig. Wir rannten in eine kleine Bäckerei und kauften zwei warme Brötchen. Danach standen wir unter einem viel zu kleinen Vordach und aßen. Meine Schuhe waren schon komplett nass.
„Safe werden wir morgen krank“, sagte ich.
„Safe nicht.“
„Woher willst du das wissen?“
„Keine Ahnung.“
Als es weniger regnete, gingen wir weiter. Aber nicht auf dem kürzesten Weg. Kuba kannte irgendeinen kleinen Park hinter den Häusern, in dem ich noch nie gewesen war. Auf einem Spielplatz spielten drei jüngere Jungs Fußball und brauchten noch zwei Leute. Einer hatte eine Jacke an, die ihm ungefähr drei Nummern zu groß war. Der andere sagte die ganze Zeit, er sei Mbappé.
War er nicht.
Wir spielten trotzdem mit.
Eigentlich wollte ich nur zehn Minuten bleiben. Am Ende war es vielleicht eine Stunde. Vielleicht auch weniger. Keine Ahnung. Ich hatte ja keine Uhr. Irgendwann zählte sowieso keiner mehr die Tore. Einer schoss den Ball in einen Busch, Kuba fiel fast hin und ich bekam den Ball direkt gegen das Bein. Tat ziemlich weh. Wir mussten trotzdem lachen.
Irgendwann waren wir beide komplett fertig. Meine Schuhe waren nass, meine Hose dreckig und wir hatten keine Ahnung, wie spät es war.
„Wir sollten vielleicht nach Hause“, sagte ich.
„Vielleicht.“
Wir spielten trotzdem noch weiter. Keine Ahnung warum. Hat einfach Spaß gemacht.
Kurz dachte ich: Eigentlich müsste ich ein Foto machen.
Dann fiel mir wieder ein: Ach ja. Kein Handy.
Und ehrlich? War mir plötzlich egal.
Keiner machte Fotos. Keiner sagte: „Warte, noch mal.“ Wir haben einfach weitergespielt.
Auf dem Weg nach Hause redeten Kuba und ich irgendwann kaum noch. Wir waren einfach müde. War aber auch okay. Vor seiner Straße hob er die Hand.
„Bis morgen, Bro.“
„Wenn wir den Regen überleben.“
„Safe.“
Als ich endlich nach Hause kam, lag mein Handy immer noch auf dem Küchentisch. 37 Nachrichten. Sechs verpasste Anrufe. Dazu irgendwelche Benachrichtigungen von Apps. Meine Mutter hatte mir natürlich auch mehrmals geschrieben.
Sie fand die ganze Sache übrigens gar nicht so lustig.
Ich nahm das Handy und wollte Kuba schreiben. Dann dachte ich: Hä? Wir waren doch gerade fast den ganzen Nachmittag zusammen.
Also schrieb ich nichts.
Von diesem Tag gibt es kein Foto. Kein Video. Keine Story. Nicht mal einen Screenshot. Eigentlich gibt es überhaupt keinen Beweis dafür, außer meiner dreckigen Hose und den völlig ruinierten Schuhen.
Die Schuhe habe ich immer noch.
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