Nur wir

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Julia, 14 Jahre

Das blaue Meer ist das Einzige, was ich sehe. Mal in Griechenland, dann in Italien. Weite Strände, Eis an der Bar und noch ein kurzer Sprung ins Wasser im wunderschönen Bikini.
Ich greife erneut in die Packung Chips, die neben mir liegt, und wische zum nächsten Video.
Diesmal sind es die Alpen in der Schweiz. Ein perfekter Skiurlaub am Wochenende. Aus der nahegelegenen Hütte dringt lautes Lachen und einige Gläser klirren.
Als ich meine Nachrichten öffne, bemerke ich das Übliche. Keine neuen Benachrichtigungen. Bevor ich mich darüber aufregen kann oder etwas wie Traurigkeit fühlen kann, wechsle ich erneut zu den anderen Apps. Das ideale Leben, ein Tag spektakulärer als der andere.
Und dann bin da ich. Im Bett und dabei, die wohl beste Zeit meines Lebens zu verschwenden.
19:31. Schon wieder zwei Stunden, ohne wirklich etwas getan zu haben. Das geht schon den ganzen Tag so, also wird es sich wohl kaum lohnen, jetzt noch etwas zu ändern. Der Tag ist vorbei.
Gedämpfte Stimmen dringen durch meine geschlossene Zimmertür.

„– sie da?“
„Klar, warte kurz, ich ruf sie schnell an.“
Mein Handy klingelt. Was will meine Schwester denn jetzt von mir?
„Was willst du?“ Ich klinge genervter, als es beabsichtigt war. 
„Komm einfach runter.“ Dann legt sie auf.
Als ich sehe, wer im Türrahmen steht, wäre ich am liebsten an die Decke gegangen. Es sind meine Klassenkameraden. Für viele wäre das vollkommen selbstverständlich. Ich habe fast meine ganzen Ferien damit verbracht, zu hoffen, dass jemand an mich denkt. Und sie haben es getan.
„Wir wollten fragen, ob du Lust hast, mit uns essen zu gehen? In der Nähe hat letzte Woche ein neues Restaurant aufgemacht.“ Lia redet wohl heute für alle Anwesenden, aber sie war schon immer die lauteste. Der Rest steht hinter ihr.
„Ja. Ja, klar. Ich hole nur noch schnell meine Tasche.“
„Kein Stress, wir warten.“

Während ich durch mein Zimmer laufe, schaffe ich es kaum, nicht zu grinsen. Sie warten. Auf mich. Und sie wollten was mit mir machen. Doch ein kleiner Teil von mir kann das immer noch nicht fassen.
Von der Eröffnung hängen noch Luftballons an den Türen und alle Mitarbeiter wirken so zufrieden. Ohne Reservierung würde man hier wohl kaum einen Platz kriegen. Jeder einzelne Tisch ist besetzt und aus der Küche duftet es nach etwas, das ich sofort bestellen möchte. Ich habe erst letztens ein Video gesehen, wie unfassbar lecker es hier sein soll.

Leon erzählt gerade von dem süßen Vogel, den er beim Wandern gesehen hat, und Lia lacht mit den anderen, doch ich bin mir ziemlich sicher, sie wissen alle nicht, worum es geht. Sie hat so ein herzliches Lachen. Es hört sich an wie der erste Sonnenstrahl im Frühling, wenn endlich alles wieder blüht.
Ich halte mich eher am Rand der Gespräche, doch es ist fantastisch hier. Nachdem der Kellner unsere Bestellungen serviert hat, wird unser Tisch vermutlich der lauteste im Restaurant. Jeder redet, irgendwer versucht gerade, das viel zu heiße Essen bereits zu probieren, und dauernd lacht jemand.
„Wisst ihr noch damals, als ich diese Taube als mein Haustier haben wollte? Ich glaube, sie erinnert sich an mich.“ Elias ist wohl ziemlich überzeugt von sich. „Naja, und als ich in der Stadt war, hat mich die eine eben immer verfolgt, und sie sah genauso aus.“
Leon mischt sich auch ein: „Sieht nicht jede Taube gleich aus?“
„Natürlich nicht. Die, die ich meine, hat ein eher helleres Grau als die, die ich normalerweise sehe. Das weiß ich. Deswegen wollte ich ja unbedingt genau die.“
Diese Klasse war eindeutig zu sehr mit Vögeln beschäftigt.

Je länger wir an diesem Tisch sitzen und reden, desto wohler fühle ich mich. Es ist einer der ersten Momente dieser Ferien, in denen ich nicht den Drang habe, sofort auf mein Handy zu blicken. Oder es zu dokumentieren. Denn dieser Abend wird mir so oder so sehr lange im Kopf bleiben. Egal ob ich etwas poste oder nicht. Hier zählen nur wir.