Langsam verschluckt das Wasser die Sonne immer mehr. Die Wolken haben sich tief rot gefärbt, in Schmerz oder in frohem Abschied; „Auf bald!”
Eine salzige Brise kämmt mir durch die Haare. Es fröstelt mich leicht. Es ist wohl ein Zeichen dafür, ebenfalls Abschied zu nehmen. Abschied von dem atemberaubenden Ausblick. Abschied von diesem wunderbaren Ort. Abschied von meiner bald endenden Ferienzeit.
Ich drehe mich von der Küste weg. Hinter mir hat sich mittlerweile eine freudige Gesellschaft zusammengefunden. Der Hoteleingang ist weit geöffnet. Lebensfrohe Musik strömt hinaus und bunte Lichtstrahlen tanzen in alle Richtungen. Einige Rentner tun es ihnen gleich. Sie haben sich ihre liebste Person geschnappt, marschieren über den freien Platz, entfernen sich von einander, nähern sich wieder an und drehen sich im Kreis, im Disco Fox oder einem anderen zackigen Schritt.
Ich kann nicht anders, als zu lächeln.
Manchmal, da habe ich Angst vor dem Älterwerden, dem Alleinsein, den gesundheitlichen Beschwerden. Aber beim Beobachten der herumwirbelnden Pärchen fühlt sich die Last dieser Bedenken weit entfernt an. Stattdessen blüht ein warmes Gefühl in meiner Brust. Vielleicht sorge ich mich zu viel. Vielleicht braucht man später nur gute Musik und einen Partner, der mit einem durchs Leben tanzt.
Ja, ein Tanzpartner, der fehlt mir gerade.
Ich trete ein wenig näher, sodass mich die Wärme des Hotels sanft umarmt. Aber ich trete nicht ein. Ich schwinge auch nicht mit. Ich bin nur eine Zuschauerin, die nichts auf dem Spielfeld verloren hat. Zumindest sind diese Worte an vorderster Stelle in meinem Gehirn bei jedem rhythmischen Zucken meines Körpers. Also stehe ich nur da, schaue zu und will schon fast ein Video machen und „so will ich alt sein” draufschreiben.
„Sie sehen so aus, als würden Sie tanzen wollen”, spricht mich ein älterer Herr von der Seite an. Ich blinzle und starre ihn sprachlos an. Er schmunzelt. Dann bietet er mir seine Hand an. „Mir geht es auch so.”
Mein Herz macht einen Satz auf ihn zu, doch ich zögere. Gehöre ich wirklich auf diese Tanzfläche?
„Worauf warten Sie? Wenn Sie vorhaben sollten, erst in meinem Alter loszutanzen, werden Sie einiges verpasst haben — vor allem aber, mich als Ihren Tanzpartner gehabt zu haben.” Er hebt eine Augenbraue. Ich atme belustigt aus; „Na dann.”
Kaum dass wir das Hotel betreten haben, verfällt er in rhythmische Bewegungen und zieht mich mit. Ich versuche, nicht auf unsere Füsse zu starren. Sein Blick ist, anders als sein verspieltes Grinsen, warm und aufmunternd. Er sieht mich damit, feuert mich an, teilt seine Freude mit mir.
Ich werde unter seinem Arm hindurch geschickt, im Kreis gedreht, zurückgeholt. Es ist schnell. Ich gerate aus dem Takt. Er wiederholt es. Und wiederholt es nochmal. Ich muss lachen. Er grinst und dreht mich weiter.
Es ist zum Schwindligwerden, wie oft wir uns während eines einzigen Tanzes drehen. Zum Schwindligwerden, zum Lachen und zum Feiern. Alles um uns herum verschwimmt. Es gibt nur noch gute Musik, seine warmen Hände, die mich führen, und das Kunstwerk aus Lachfalten und Lebenserfahrung, das ich anlache.
Als das Lied zum Ende kommt, atmet nicht nur er schwer, sondern auch ich. „Sie sollten öfter tanzen”, meint er, „es zaubert ein wunderschönes Lächeln auf Ihr Gesicht.” Das macht mich beinahe verlegen. Bevor ich aber antworten kann, zieht eine auf uns zukommende, jubelnde Rentnergruppe unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es sind seine Freunde.
„Ihr saht fantastisch aus!”, lacht eine.
„Ich will auch mal mit ihr tanzen!”, ruft ein anderer.
Ich schnaube ungläubig.
“Unbedingt!”, meint mein Tanzpartner jedoch und übergibt mich. Ich weiss noch gar nicht, wie mir geschieht, da werde ich schon wieder auf die Tanzfläche geführt, während weitere hinter mir rufen, sie wollten auch noch.
Ich schwinge und tanze, geniesse und lache, bis die Musik von Disco-Hits zu langsameren Walzern wechselt, da lassen sie mir eine Pause.
Wir stossen miteinander an. Es ist kaum zu glauben, dass ich vor Kurzem noch draussen stand und dachte, ich könne nicht Teil von alldem sein. Ich habe die Rentner unterschätzt — und auch mich selbst.
„Werden Sie morgen wieder hier sein?”, werde ich schliesslich gefragt. Meine Brust zieht sich ein wenig zusammen, als ich von meiner morgigen Abreise erzählen muss.
„Werden Sie denn wieder kommen?”
Ich lächle wohlwollend. „Irgendwann werde ich das ganz bestimmt.”
Und so heisst es bei unserem Abschied am späten Abend nur „Auf bald!”, in Schmerz oder in Freude, aber auf jeden Fall im Gefühl, etwas ganz Wertvolles von diesem Abend mitgenommen zu haben.