Das Mädchen unter der Linde

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Rebecca, 13 Jahre

Was ist wahre Freundschaft? Für mich ist es eine Person, die an mich glaubt, die mich beschützt und mir vertraut, so wie ich ihr vertraue.
Und doch, was passiert, wenn diese Freundschaft zerbricht?
Wenn diese eine Person nicht mehr für einen da ist?
Jetzt herrscht Stille in mir. Jeder Gedanke ist von Nebel verhangen. Kein Vögelzwitschern dringt mehr in mein Ohr. Die Zeit scheint still zu stehen und ich sitze alleine in meiner Welt des Trauers. Nur die harte Holzbank auf dem grauen Beton des Schulhofs erinnert mich noch daran, dass ich eigentlich in der Schule bin. Die Schule – früher war sie ein Ort der Freude, des Lachens und des Spaßes zu Lernen. Doch ohne Camilla ist alles anders. Sie steht mit ihren neuen Freunden auf dem Pausenhof. Ihr Lachen dringt in meine Ohren und verursacht Schmerzen.
Warum? Diese Frage wiederholt sich hundertfach in meinem Kopf und spukt durch meine Gedanken.
Wir sind 25 Leute in der Klasse. Ohne mich 24. Ohne Camilla 23. Ohne ihre Freundinnen 18.
18 Leute, mit denen ich mich anfreunden kann. Das sind drei Mädchen und 15 Jungen.
Meine Trauer, meine Angst und meine Verletztheit fesselt mich an diese Bank unter der Linde und lässt alles in mir taub werden.
Ich schließe die Augen. In meinen Händen fühle ich mein in Stoff eingebundenes Tagebuch. Dort stehen all die schönen Momente meines Lebens. Ist jetzt Ende? Werde ich je wieder glücklich?
Ich habe keine Ahnung, wie lange die Mittagspause noch dauert, aber das ist mir egal. Es ist alles egal.
Ich spüre einen Luftzug. Jemand setzt sich neben mich. Mein Herz schlägt schneller, ist mein Traum war geworden? Sitzt Camilla neben mir und will sich entschuldigen? Bin ich tief in ihrem Herzen doch noch ihre Freundin?
Ich atme tief durch die Nase ein. Es riecht nach Wildblumenwiese und Sonnenschein. Nach Freundschaft und Liebe. Doch das ist nicht Camilla.
Ohne es zu wollen, öffne ich meine Augen. Als erstes wandern meine Augen zu den dunkelgrünen, aber ausgeblichenen Schuhen und gleiten über die bunten Ringelsocken. Nein, Camilla war das nicht. Camilla war stylisch und so perfekt schön. Seit neuesten, denn früher war sie das nicht. Früher war sie eine Person, die einfach so unperfekt war, aber das machte sie zu einer einzigartigen Freundin.
Die Person neben mir trug eine Latzhose. Wer saß neben mir?
Ach, das war doch egal. Alles war egal, seit Camilla aus meinem Leben verschwand. Seit sie mich nicht mehr haben wollte. Dabei hatte ich doch alles für sie getan. Ich habe Sachen gemacht, die ich sonst nie gemacht hätte. Ich gebe es ja zu, ich habe mich manchmal so verstellt, dass ich mich gar nicht selber wiedererkannt habe.
Auf dem Boden ist eine Pfütze. Sie ist gefroren, denn heute war es sehr kalt. Irgendetwas unter Null Grad hat unser Thermometer heute Morgen angezeigt. Doch ich fühlte die Kälte nicht, denn alles in mir war taub.
Ein paar der eingefrorenen Luftbläschen in der Pfütze bildeten ein Herz.
„Die Wunder der Natur“, erklang eine geflüsterte Stimme neben mir. Ich zuckte zusammen, starrte weiter auf den Boden, besser gesagt auf das gefrorene Herz und dann nahm ich all meinen Mut zusammen, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass er existierte.
Ich sah die Person neben mir an.
Es war Felia. Das Mädchen ist mir nie so richtig in der Klasse aufgefallen. Ich dachte immer, sie wollte keine Freunde haben, denn sie war in der Pause oft alleine unterwegs. Zusammen mit ihrer Kamera, die sie scheinbar überall mithin nahm. Überall machte sie Fotos. Ich hatte mich einmal gefragt wieso, doch die Frage war kurz darauf vergessen.
„Schau mal, ich habe noch mehr davon“, kam es von Felia. Sie schaltete ihre Kamera an und zeigte mir Fotos.
Ihre Fotos waren einzigartig. Sie waren voller Gefühle. Ein Sonnenuntergang in dem prachtvollsten Rot, dem man sich vorstellen konnte, ein Weg, der ins Nichts führte, weil er von Nebel verhangen war, ein Pfad im Wald, der einen in eine andere Welt brachte.
Und dann, das letzte Foto: Eine Person, auf einer Bank sitzend unter einer bunten Linde. Ihre Augen waren geschlossen und sie hielt Buch fest an sich geklammert. Ihre schwarzen langen Haare fielen ihr ins Gesicht und verdeckten es zum Teil. Und doch sah man Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung, Angst und den Wunsch nach Freundschaft deutlich.
Nochmal meldete sich Felia zu Wort: „Dieses Bild ist wunderschön und traurig zugleich. Wie findest du es?“
Ich schwieg. Doch dann antwortete ich: „Danke“.
Das war der Beginn unseren Freundschaft. Einer Freundschaft, die nicht ganz so perfekt war, wie ich sie mir vorgestellt hatte, die aber ehrlich und ewig war.

Autorin / Autor: Rebecca