Was will ich und wie viel davon

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Lisa Hoffmeister, 26 Jahre

Unsere Welt hat so viel zu bieten. So vieles gibt es zu bestaunen, zu lernen, zu spüren. Das hatte ich irgendwie eine Zeit lang vergessen. Im Sommer war ich so sehr gestresst von den Nachrichten, die wir über die klassischen Medien geliefert bekommen, dass ich aufgehört habe, überhaupt irgendwas davon zu konsumieren. Zu sagen, dass man keine Ahnung hat, was in der Welt gerade los ist, welches Unglück passiert ist und was in der Politik los ist, war am Anfang auch nicht so leicht. Wir wissen alle, dass es wichtig ist, einen gewissen Überblick über das Weltgeschehen zu haben und nichts zu wissen, war auch nicht mein Wunsch. Aber ich war an diesem Punkt von Ich kann nicht mehr, wo bekomme ich vernünftige Medien her und nicht nur Katastrophenbilder, die neuesten politischen Eskalationen und alles andere, was negativ polarisiert. Und eine ganze Zeit war die Antwort darauf: keine Ahnung, ich schalte die Welt erstmal aus, denn so ist es furchtbar. Also, ich weiß ganz bestimmt nicht, was du letzten Sommer gemacht hast. Im Herbst hatte ich dann lange genug Pause gemacht und über die Situation geschimpft und war bereit, mich auf die Suche zu machen. Was will ich konsumieren? Wo bekomme ich verlässliche, überprüfte Informationen her? Eine etablierte Tageszeitung würde verlässliche Informationen liefern, aber ich habe keine Kapazitäten, jeden Tag oder jede Woche eine ganze Zeitung zu lesen, bzw. ich will aus so einer Zeitung auch gar nicht alles wissen und, um nur ein bisschen was zu lesen und vom Rest nur die Schlagzeilen anzuschauen, dafür ist ein Zeitschriften Abo mit meinem Studentenbudget viel zu teuer.

Wie erkenne ich Fake News und AI generierte Informationen? Was ist überhaupt meine Meinung zu den ganzen Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz? Es gibt ein ziemlich schlaues Zitat aus Harry Potter, mit dem ich bei dieser Frage ganz gut fahre. Nachdem Ginny Weasley dem Tagebuch vertraut hat, das ihr antworten konnte und gar nicht wusste, wer ihr da antwortet, sagt Arthur Weasley zu Ginny "Trau nie etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat". Das Gehirn der künstlichen Intelligenz sind die Daten, die sie bekommt und du musst es fragen, welche Daten es dir gegeben hat und wo es diese Daten her hat. Und dann kannst du selektiv sein. Zum Beispiel: Bitte die KI dir Links zu fünf Artikeln etablierter Tageszeitungen mit unterschiedlichen Standpunkten zu einem politischen Thema rauszusuchen. Dann kannst du die Artikel lesen und dir eine eigene Meinung bilden. -> gute Idee. Frag die KI, welche Meinung die Welt zu diesem politischen Thema hat -> schlechte Idee, denn sie wird dir einen Mix aus allem erstellen, was zu diesem Thema im Internet steht und es wird auch alles zum Thema passen, aber die Kontexte sind nicht mehr vorhanden und dann geht der Sinn verloren, bzw. ein neuer Sinn wird kreiert. Es ist eine Meinung, aber nicht die tatsächliche Meinung der Welt zu diesem Thema.

Ich differenziere auch zwischen der Nutzung der KI für die Uni und für privaten Kleinkram. Wenn ich nur wissen will, wie ich einen Saftfleck aus meinem weißen T-Shirt raus bekomme, ist es mir in diesem Moment vollkommen egal, wo diese Information her kommt, denn auf diesem Level ist die KI schlau genug, um mir brauchbare Informationen zu liefern. In dem Moment will ich einfach nur eine schnelle Lösung, damit ich den Fleck sofort behandeln kann und hoffentlich nicht auf die Suche nach einem neuen Lieblings-T-Shirt gehen muss. Wenn ich jetzt auf die Suche nach einer hundertprozentig verlässlichen Quelle gehe, dauert das viel zu lange und dann ist das T-Shirt eh ruiniert, also kann ich auch einfach versuchen, ob das klappt.

Ich habe mir verlässliche Informationsquellen gesucht, die mich nicht nur mit Negativem zuschütten. Ja, ich bekomme wieder mit, was in der Welt passiert; aber nur in Form von einem täglichen Email-Newsletter, der auf ungefähr einer A4 Seite Text eine sehr knappe Zusammenfassung liefert, ohne zu jedem Negativen tief ins Detail zu gehen und ohne Bilder von Katastrophen. Und ich habe jede Woche eine halbe Stunde auf den Kalender gesetzt, in der ich Dinge davon genauer recherchieren kann. Aber manchmal nutze ich diese halbe Stunde auch nur, um schöne Dinge anzusehen. Welche Kunstwerke sind gerade im Gespräch; welche neuen Bücher haben es auf die Bestsellerlisten geschafft; gibt es Neuigkeiten zur Hochzeit von Taylor Swift und Travis Kelce - was eben gerade wichtig ist. Und irgendwie in all diesem Chaos mit meinem Umgang mit den Nachrichten ist die Welt wieder spannend geworden für mich. Weil ich mir aussuchen kann, was mich interessiert und ich plötzlich Platz dafür habe, wenn mein Gehirn sich nicht dauernd im 15 Sekunden Takt mit neuer Negativität befeuert lässt. Es gibt supersüße Schafe mit schwarzen Nasen. Ich habe Dokumentationen über faszinierende Orte gesehen, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Ich habe viel weniger YouTube Kanäle abonniert und viel weniger Podcasts und der Feed darf nicht mehr vorschlagen, was ich schaue. Ich weiß, was für ein Thema ich gerade suche und gebe es in die Suchleiste ein und schaue, was es dazu gibt. So habe ich die Weltsichten von Menschen kennengelernt, von denen ich sonst keine Inhalte konsumieren würde. Was sie sagen, gefällt mir nicht immer; aber es gibt da draußen tolle Menschen und es ist okay, wenn du jemandem mal zuhörst und dann kein Follower bist und nicht jede Woche algorithmischen Einheitsbrei zu dem gleichen Thema präsentiert bekommst, weil ein YouTuber bei seinem Thema bleiben muss, um im Algorithmus zu überleben und damit seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können.

In der Welt passieren viele spannende Dinge. Manchmal bin ich online zu Besuch bei Indigenen Völkern, von denen ich vorher nichts wusste. Gestern habe ich gesehen, welche Präzision und Anmut Eiskunstläufer bei den Olympischen Spielen haben. Wir sind jung und der Geschichtsunterricht in der Schule war bestenfalls mittelmäßig. Da draußen sind großartige Geschichten die auf euch warten. Geschichten über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Über individuelle Menschen und Gesellschaften, die Erde, das Weltall, über Fiktionales und Faktisches. Seid neugierig auf die Welt und sucht euch aus, was ihr entdecken wollt. Und wenn ihr im gleichen Sumpf steckt wie ich diesen Sommer: Vor einer Weile kam eine Podcastfolge von Call her Daddy heraus namens "We still go high". Michelle Obama und Alex Cooper werden euch dazu inspirieren, die Welt trotz aller Probleme entdecken zu wollen und euren Glauben in die Menschheit wieder aufrichten.

Autorin / Autor: Lisa Hoffmeister