Ich kann das gelbe Auto durchs Fenster sehen und schon wird mein Briefkasten durchstöbert.
Rechnung. Rechnung. Geburtstagskarte von meiner Zahnarztpraxis.
Postkarte von Sylt. Tessa schreibt von ihrem FSJ, von Seeluft und von der Hoffnung, noch Seerobben zu sehen.
Postkarte von Thessaloniki. Carlos schreibt, dass er mit seinem Boot grade dort im Hafen liegt und neuen Proviant holen geht, bevor es weitergeht. Er hat eine krampfhafte Sucht nach Salt&Vinegar-Chips entwickelt und kann danach in 4 Sprachen fragen.
Postkarte von Brisbane. Ari schreibt davon, dass sie beinahe ein Känguru aus einem See gerettet hat, bevor ihr jemand erklärt hat, dass Kängurus ziemlich gut schwimmen können und Gewässer nutzen, um sich vor Bedrohungen zu beschützen.
Postkarte von Vancouver. Maxi schreibt, dass er zwei seiner Lieblingsschauspieler auf der Straße getroffen hat und dass er seinen alten Französischlehrer verflucht. Anscheinend hat er sich selbst sehr lächerlich gemacht mit einer verwechselten Vokabel.
Alles, was ich sehe, sind Abenteuer. Alles, was ich fühle, ist Fernweh. Alles, was ich will, ist, dass mein Neid auf meine Freunde sich nicht so sehr wie Messerstiche in der Brust anfühlen würde.
Auf allen Postkarten steht drauf, dass sie für unsere Weihnachtsfeier zurück sein werden.
Und ich lebe meine Tage bis dahin in meiner gewöhnlichen Arbeits- und Freizeitaufteilung. Ich denke sogar daran, einen gesunden Schlafrhythmus einzuhalten.
Und dann trudelt meine Freundesgruppe langsam an Heiligabend in meiner Wohnung ein und die Erleichterung ist groß. Das Wiedersehen, so warm und voller Vermissen. Die Stimmung ist laut. Wir sind auf der Suche nach der besten und aufregendsten Geschichte und ich schaffe es, so gut wie jeder Frage nach meinen letzten 6 Monaten auszuweichen.
Carlos holt eine besondere Flasche hervor, einen alkoholfreien Wein, den er auf seiner Schiffsreise irgendwo beim Pokern abgestaubt hat.
Wir stoßen an. Schmeckt nicht besonders. Wir hoffen alle auf ein weiteres abenteuerreiches Jahr, da wir uns sowas nicht für Silvester aufheben.
Dann gibt es ein veganes Weihnachtsessen, weil ich eine neue Herausforderung haben wollte. Und es schmeckt sehr gut.
Nach dem Essen gibt es Bescherung.
Alle meine Freunde haben mir etwas mitgebracht. Magnete, Sticker, Tassen, Schlüsselanhänger. Kleine Fläschchen mit dem Sand von fremden Ufern. Von ihren Reisen.
Sie packen ihre eigenen Geschenke aus.
Tessa bekommt eine selbst gehäkelte Robbe mit grünen Streifen.
Carlos bekommt eine gemalte Landkarte, die seine Schiffsreise darstellt.
Ari bekommt eine große Box von ihrem Lieblingstee, den man nur in einem Laden in Berlin kaufen kann.
Maxi bekommt ein Cameo-Video von einem der Schauspieler, die er in Vancouver auf der Straße getroffen hat.
Der Dolch ist wieder da. Der Neid. Diese Hoffnung, dass ich mehr wert wäre in dieser Freundschaft als Kühlschrankmagnete, die man in aller Eile am Flughafen kauft.
Alles in mir versucht meine Freunde nicht auf die materiellen Güter zu reduzieren. Es ist immerhin Weihnachten.
Doch Freunde sind nun mal Freunde. Freunde kennen dich. Freunde können dich am schwersten verletzen und du hoffst, dass dein Vertrauen ausreicht. Du hoffst, dass Vertrauen genug ist.
Ari fragt mich, wie es meiner Arbeit geht und alle warten auf eine Antwort. Und ich kann nicht ausweichen. Ich kann nicht lügen, dass ich meine Arbeit gerade so spannend finde, dass ich meine Freunde davon überzeugen muss, wie unglaublich spannend es ist, dass meine Chefin mit Flip-Flops ins Büro gekommen ist.
„Ich wünschte ihr hättet angerufen. Ihr habt euch alle in den letzten 6 Monaten nur per Post gemeldet. Ich wollte wissen, wie lange es dauert, bis ihr vielleicht doch mal wieder zu euren Telefonen greift und euch meldet, ohne dass ich mich zuerst melden muss.“
Die Stille in meinem kleinen Wohnzimmer ist ohrenbetäubend und erstickend. Die gesenkten Köpfe, die vermeidenden Blicke sagen mir nur, dass sich der Dolch berechtigterweise in meiner Brust befindet. Dass sich der Schmerz wirklich wie Schmerz anfühlt, nicht nur wie ein kurzes Symptom des Neides.
„Es tut mir leid. Das war nicht cool.“ Carlos Stimme ist die erste von den Vieren, die sich entschuldigt. Und ein kleines bisschen Erleichterung schleicht sich ein, doch alles, was ich will, ist, allein zu sein.
Meine Freunde verstehen das und nach vier langen Umarmungen verlassen sie meine Wohnung.
Die Tränen fallen als ich die Tür schließe und ich lasse den Schmerz hinein.
Dann sehe ich vier neue Nachrichten. Es ist eine Einladung von jedem meiner Freunde. „10 Minuten Anruf“.