„Es war einmal …“, jedes Märchen, das wir kennen, beginnt so und endet mit „…, wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Doch diese Geschichte beginnt anders, diese Geschichte basiert auf dem Leben aller Vergangenen und noch Lebenden, welche zwischen zwei Welten stehen. Diese Geschichte endet nicht mit „und wenn sie nicht gestorben sind, dann …“, diese Geschichte endet erst dann, wenn Menschen sein dürfen, wer sie sind, ohne sich selbst verstellen zu müssen, um bessere Chancen im Leben haben zu können, diese Geschichte endet erst dann, wenn Gleichberechtigung mehr als nur gleiche Bezahlung ist. Diese Geschichte endet erst, wenn die Vorurteile gegen jene andere Herkunft verschwinden.
Ich verstelle mich, passe mich meiner Umgebung an, versuche, ja nicht aufzufallen, und vor allem versuche ich, nicht ich selbst zu sein. Ich schweige, obwohl ich schreien möchte. Ich lache, anstatt mich zu verteidigen, und spiele mit. Ich spiele mit, um ja nicht den Klischees zu entsprechen und um ja nicht deren Erwartungen an mich gerecht zu werden. Ich schweige.
Wenn sie es tun, ist es cool; wenn sie politische Witze machen, ist es witzig; wenn sie für etwas demonstrieren, ist es verantwortungsbewusst. Wenn ich es tue, ist es asozial; wenn ich politische Witze mache, ist es radikal, und wenn ich für etwas demonstriere, ist es ein terroristischer Akt.
Ich mag zwar in der gleichen Klasse wie sie sein, die gleichen Sachen sagen, tragen und lernen und die gleichen Noten schreiben, ich kann hier geboren sein, aber dennoch hänge ich immer zurück. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, egal, wie sehr ich mich anzupassen versuche, ich liege immer zwei Schritte hinter ihnen.
In der Türkei wiederum bin ich genauso fremd. Ich spreche die Sprache mit Akzent, bin zu deutsch, habe zu deutsche Ansichten. Nun bin ich also zu „ausländisch“ für das Land, in dem ich lebe, und zu „deutsch“ für das Land meiner Familie: Gurbetçi in Deutschland und Almancı in der Türkei. Ich stecke fest zwischen zwei Gesellschaften, zwei Kulturen und zwei Leben.
Das Schlimmste an allem: Nichts lässt einen diesen Unterschied vergessen, durchgehend ununterbrochen wird man damit konfrontiert, es fängt klein an.
Leute fragen einen, wie es dazu kommt, dass man so gut Deutsch spricht, dabei ist man hier geboren und aufgewachsen. Sie fragen, woher man kommt, und auf die Antwort „Ich bin hier geboren“ fragen sie nach der ursprünglichen Herkunft und merken nicht, wie respektlos eine so unschuldige Frage eigentlich ist. Jedoch zeigt uns die tägliche Konfrontation der Fragen, dass egal, wie sehr man sich bemüht und anstrengt, wir für viele nur Fremde sind und nicht hergehören.
Man beschwert sich über unsere Anwesenheit, jedoch sind unsere Großeltern diejenigen, welche nach dem Krieg nach Deutschland gekommen sind, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Sie hatten nichts, wurden getrennt von ihrer Heimat und ihrer Familie und mussten sich ein neues Leben aufbauen, mussten ihren Namen verdeutschen, um anderen ja keine Umstände bezüglich der schweren Aussprache zu machen. Der Name, die Worte, die einem eine Identität geben, wurden einfach verändert, um es anderen leichter zu machen. Mein Opa war es in deren Augen nicht einmal wert, dass man seinen Namen richtig lernt, kann man sich das vorstellen?
Unsere Eltern, welche nachträglich hergekommen sind, haben im Ausland studiert und gelernt und dürfen hier diese Berufe nicht ausüben, die netten Reinigungskräfte der Schule haben in ihrem Land Mathematik und Physik studiert und hier werden all diese Jahre an harter Arbeit nicht akzeptiert. Aber dieses Schubladendenken betrifft mittlerweile nicht nur uns Menschen mit Migrationshintergrund, jeder von uns wird von der Gesellschaft in eine Schublade gesteckt. Wir beurteilen andere nach Kleidung, Frisur, Beruf oder Akzent, geformt durch unbewusste Vorurteile und gesellschaftliche Maßstäbe. Aber wie können wir einen Menschen in eine starre Kategorie pressen, nur weil er einem Trend folgt oder einer Gruppe ähnelt? Jeder Mensch trägt eine einzigartige DNA, ein eigenes Aussehen und einen ganz eigenen Charakter in sich. Niemand passt perfekt in eine vorgefertigte Form.
Am Ende sollte und kann kein Etikett und keine Schublade der Welt definieren, wer wir sind. Was bleibt, sind unsere Taten, unsere Werte und die Spuren der Menschlichkeit, die wir in den Herzen anderer hinterlassen.
1 Gurbetci : Türkischer Begriff für Menschen, die in der Fremde bzw. im Ausland leben (von Gurbet = die Fremde).
2 Almancı : (Wörtlich „Deutschländer“). Türkische Bezeichnung für in Deutschland lebende Türkeistämmige, die dort oft als „zu deutsch“ wahrgenommen werden.