„Wenn die Sonne sich langsam, aber sicher mit ihren warmen Strahlen zurückzieht, die Bäume beginnen, in Rot- und Orangetönen zu strahlen und der Kalender offiziell das Ende des Sommers verkündet, dann ist der Herbst angebrochen. Dann schlendere ich durch buntes Laub, beobachte goldene Sonnenuntergänge, trinke heiße Zimtmilch und genieße geröstete Maronen.“ Schnaubend stelle ich den „Klappkalender für die Tasche“, den meine Mutter mir geschenkt hatte, zurück. Zum ersten Mal stimme ich einem von den schnulzigen Monatssprüchen zu. Oktobertage sind wirklich dazu da, sich zuhause gemütlich einzukuscheln oder lange Spaziergänge durch den Wald zu machen. Sie sind definitiv nicht dazu da, schon zum zweiten Mal in einer Woche wahllos Klamotten in einen Koffer zu schmeißen, um mit seinen Helikoptereltern auf den nächsten dreitägigen Businesstrip zu fahren.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen stehe ich vor meinem ungemachten Bett und starre auf die drei zerknitterten Pullover, die ich versucht hatte zusammenzufalten. Wie man an den Maulwurfshügeln aus Stoff unschwer erkennen kann, hatte ich mich umsonst bemüht. Ohne, dass ich es gemerkt habe, bin ich zu Boden gesunken und habe mein Handy in die Hand genommen. „Outfitinspirationen für einen stylischen Herbst“ tippe ich in die Suchleiste. Meine Suche führt mich auf TikTok. Nun huschen meine Augen über die verschiedenen Posts einer jungen Frau mit perfekt proportioniertem Körper und hübsch gestylten Haaren. Wirklich tolle Outfits finde ich nicht – auch nicht, nachdem ich ihr Profil gründlich abgecheckt habe. Die schwarzen Hemden mit den blauen Jeans hätte ich mir auch selbst zusammenstellen können. Gerade als ich unbewusst begonnen habe, mir mit kritischem Blick in den Bauch zu kneifen, höre ich meine Mutter durch den Wohnungsflur rufen: „Meg, wir fahren in einer Stunde los, ob du fertig gepackt hast oder nicht. Du bist eh die meiste Zeit im Hotel, da reichen zwei Jogginghosen!“
Wenn das so ist, könnt ihr mich genauso gut zuhause lassen.
Trotzdem rappele ich mich wieder auf und schlurfe zu der etwas versteckten Kommode hinter der Tür. Bis vor einigen Monaten habe ich dort die meisten meiner Klamotten gelagert, doch vor kurzem haben meine Eltern diesen schrecklichen PAX-Schrank neben den Schreibtisch geschoben und mich dazu überredet, meine Habseligkeiten doch endlich aus diesem „alten Ding“ zu retten. Mir ist bewusst, dass ich in den Schubladen, die sich zugegeben etwas schwer aufkriegen lassen, nichts finden werde. Trotzdem öffne ich jede einzelne und betrachte ihr Innenleben, das bis auf einige Socken und Pulloverfussel genauso leer ist, wie ich mich fühle. Umso verwunderter bin ich, als mir ein kleiner Zettel in bereits etwas vergilbter, pinker Farbe ins Auge fällt. Bereit, ihn im Minimülleimer zu entsorgen, halte ich inne, als meine Augen die Schrift auf der anderen Seite des Papiers entziffern:
Lieblingstier: rosa Elefant
Das mache ich am liebsten: Mit Oma Effi Enten gucken
Die Erinnerung trifft mich wie ein Blitzschlag. Ich erinnere mich an das erste und einzige Freundebuch, das ich jemals von einem Kind bekommen habe. Wie kommt nur ein Teil der Eintragsseite in meine Schublade? Ich erinnere mich, wie ich als Sechsjährige mühevoll die Buchstaben für die Antworten aneinandergereiht habe. Und ich erinnere mich an Oma Effi. Nicht meine richtige Großmutter, nein, sondern die Dame mit der bunten Brille, die in dem Mehrfamilienhaus gegenüber von uns wohnte. Die Dame, die bei Wind und Wetter auf ihrem überdachten Balkon gesessen und Schals gestrickt hatte.
Die Dame, die mit mir im Park Enten beim Schwimmen zugesehen hatte.
Damals, als ich noch ein unbeschwertes, junges Mädchen war und die Berufsreisen meiner Eltern, die mit der Zeit immer häufiger wurden, noch cool fand.
Oma Effi hieß eigentlich anders. Doch Oma Effi hatte mir immer besser als Evelin May gefallen. Die Erinnerungen lösen ein Kribbeln in meinem Bauch aus und bevor es wieder verschwinden kann, stolpere ich mit wenigen Schritten auf unseren Balkon.
Mein Blick huscht zu dem gelben Mehrfamilienhaus und bleibt schließlich an einem Balkon hängen:
Oma Effis Balkon.
Da ist sie. Auf einem Schaukelstuhl aus schokobraunem Holz sitzt sie und strickt. Das Kribbeln aus meinem Bauch steigt immer höher und ein ulkiges Glucksen entweicht mir. Als ob sie mich gehört hat, sieht Oma Effi von ihrer Arbeit auf, blickt zu mir herüber und lächelt. Ich weiß nicht, ob sie mich wiedererkennt, doch zum ersten Mal seit einer ganzen Weile lächele ich auch.