Licht im Fenster

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Clara Schubert, 19 Jahre

Mathilde sitzt an einem Sonntagabend auf ihrem Wohnzimmersofa. Die Uhr über der Tür zeigt an, dass es zu früh oder auch zu spät ist, um schlafen zu gehen. Einundzwanzig Uhr dreißig. Oder neun Uhr dreißig. Wie man es will. Und eigentlich zeigt die Uhr über der Tür keine Uhrzeit an, zumindest keine, die stimmt. Denn eigentlich ist es schon zweiundzwanzig Uhr fünfzehn, wenn sie auf ihr Handy blickt und somit wirklich zu spät, um schlafen zu gehen. Doch anstatt eine Bewegung in Gang zu setzen, wie ein Bein auf den Teppichboden zu setzen und auf weitere Bewegungen wie das zweite Bein auf dem Teppichboden zu warten, wartet sie, dass die erste Bewegung geschieht, damit die zweite folgen kann. Damit sie beizeiten im Bad stehen und im Bad mit Zahnbürste stehen und dann vor ihrem Bett stehen und dann in ihrem Bett liegen und in ihrem Bett schlafen kann. Die erste Bewegung fällt aus, weil sie auf diese wartet. Dass irgendetwas passiert, damit sie passieren kann. Wenigstens geht ihr Blick. Denn ihr Blick geht durch den Raum. Vor ihr sind ihre Beine, die sie aufgrund der grauen Wolldecke darüber nicht sehen kann. Außerdem liest sie gerade ein Werk von  Antoine de Saint-Exupéry, welches ebenso geschlossen vor ihr liegt. Es ist blau, man sieht eine kunstvoll gemalte Palme in einer ebenso kunstvollen Landschaft, bestehend aus braunen Hügeln, azurblauem Himmel und naturgemäßem Grünton für die Wiese. Sie geht weiter. Zumindest ihr Blick.

Da ist ihre große Monstera deliciosa, ihr Bücherregal, verkleidet mit den Ranken des Efeus, sie hat außerordentlich viel gelesen dieses Jahr, ihr kleiner roter Sessel, die eingerahmten Poster aus dem Urlaub, Lanzarote, Berlin, Sydney, an der Wand, drei Kerzen auf einem Tisch, bei denen das Wachs die Flaschenhälse eingetrocknet hat, was gerade, aufgrund der brennenden Kerzen, weiter abwärts
rinnt.

Sie bewegt ihre Augen und während sie sie bewegt, bewegt sich etwas in ihr. Das ist Zuhause, denkt Mathilde. Und sie hat sich ihr Zuhause schön gemacht. So gut in einer Großstadt und mit wenig Platz schön eben möglich ist. Und sie findet es, wenn sie eine Weile überlegt, verrückt, dass jeder Mensch in vier Wänden sitzt, ein, zwei und ein bisschen mehr Sachen darin arrangiert, es Zuhause nennt und sich der Name auf diesen Ort erstaunlicherweise passabel anhört.

Sie hat nicht viel in diesem Ort. Das muss sie merken, wenn sie nach draußen schaut und erkennt, dass es hinter dem Horizont oder eben hinter dem Horizont nicht weitergeht. Oder über ihrem Wohnsitz ein weiterer Wohnsitz ist. Und neben und unter ihr ebenso. Und vielleicht hat sie das beachtenswerte Glück, dass jemand an ihrem Haus vorbeiläuft, in der dritten Etage in ihrem Wohnzimmer einen winzigen Teil erhaschen kann, wie einen ihrer warmherzigen, orangen Vorhänge oder das Licht ihrer Leselampe oder ein Blatt ihrer Monstera deliciosa, und sich daraufhin, stehenbleibend, trotz unzähliger anderer Wohnungen, kurz denkt: „Nett.“ Sie freut sich über die Eventualität, dass dies passieren kann oder schon passiert ist, und über eine Art von Ruhe, die sie nur zu Hause genießen kann. Das Surren ihres Kühlschranks aus der beiliegenden Küche, das ganztägige Rattern einer vorbeifahrenden Straßenbahn im Zehn-Minuten-Takt, der sich abends in einen Dreißig-Minuten-Takt leise transformiert. Das heisere Kläffen eines Dackels, der einen anderen Dackel ankläfft, der zurückkläfft. Autos. Und dann, seltenerweise, das Geräusch, wenn kein Geräusch, weder von Kühlschrank noch von Hund noch von Verkehrslärm, zu Mathilde hochdringt. Wie ein kleines Piepen oder Rauschen im Ohr. Als wäre das Meer in ihrer Wohnung oder in ihr drin.

So sitzt sie nun auf ihrem Sofa, ohne wenigstens eine Extremität ihres Körpers zu nutzen, als wäre die Hoffnung, dass ihre Organe plötzlich dazu fähig sind, größer. Aufstehen und losgehen. Sie wippt mit ihrem Bein, schaltet die Leselampe aus und der Mond scheint wie eine helle Straßenlaterne in ihr Fenster und bleibt als ein weißer Milchfleck, den man nicht wegputzen kann, am Parkettboden
liegen.
Sie schaut auf dem Fleck und ihr Blick bleibt dort. Sie starrt den Parkettboden an. Nizza. Ihre Stadt. Ohne, dass ihr ihre Stadt gehört, natürlich. Und Mathilde könnte jetzt auf dem Sofa liegen bleiben, wie der Milchfleck am Boden liegen bleibt. Das künstliche Licht ihrer Wohnstube ist aus und sie müde. Doch wie, überlegt sie, kann sie es sich erlauben zu schlafen, ohne davor mindestens vier Schwünge ihrer Zahnbürste in ihrem Mund vollzogen zu haben?

Demnach führt ein Weg an einer Bewegung des ganzen Körpers an ihr nicht vorbei. Aber sie hat ja Zeit. Theoretisch. Praktisch muss sie morgen früh raus. Montag. Und Montag heißt arbeiten gehen, nicht auf dem Sofa liegen. Wie gern würde sie Zuhause bleiben, ein wenig im Wohnzimmer lesen, Zeit gewinnen. Wie gern im Café direkt an der Hausecke sitzen, ohne Stress, ohne dies und das und jenes. Wie gern hätte sie mehr Kraft und mehr Abwechslung.
Eine innerliche Argumentation geht durch ihren Kopf. Ein innerer Konflikt, der entsteht und zu keinem sinnvollen Kompromiss führen kann, sondern zu einer Entscheidung kommen muss. Bleiben oder aufstehen. Und sie entscheidet sich. Für das Badezimmer. Für das Schlafengehen.
Ihr Blick befreit sich.

Schwerfällig steht sie auf, dabei ist sie noch nicht so alt. Ihr Körper bewegt sich zum Badezimmer. Mit ihrer Zahnbürste läuft sie nun Kreise in ihrem fensterlosen Raum mit kleiner, verkalkter Dusche, Klo, Spiegel, Wandschrank und Waschbecken. Alles, was man braucht, aber alles ziemlich klein.
Sie denkt, und das tut sie fast immer, währenddessen über Belanglosigkeiten nach, vergisst dabei, die Zeit einzuschätzen, und putzt demnach zu lang oder zu kurz. Mathilde denkt an die Tätigkeiten, die sie danach noch verrichten muss. Erstens: Lüften. Zweitens: Vorhänge schließen. Drittens: Wecker stellen. Viertens: Licht aus. Fünftens: schlafen.

Ihre kleine Abendagenda, die sich für diesen Tag noch leicht absolvieren lässt und der sie rasch einen letzten Haken geben kann, bildet sich demnach in diesen geschätzten drei Minuten. Als sie nun vor dem Schließen ihrer Vorhänge und des Fensters steht, blickt sie noch einmal in den Himmel. Die Sterne sind aufgrund der Lichtverschmutzung als diffuse Punkte erkennbar, nur der Mond verliert nichts an seiner Klarheit. Es ist, als hätte er ein Gesicht, der Mann im Mond. Dabei handelt es sich um Pareidolie und im Grunde erkennt sie in den Details die Detailliertheit nicht. Der Mond ist zu weit
weg, um klar zu sein. Er besteht überwiegend aus Gestein, als dass er jemals menschliche Gesichtszüge besitzen oder einem Gesicht ähnlich sein könnte. Mathilde schließt das Fenster, sie zieht am Vorhang, das Mondlicht verschwindet, und stellt sich ihren Wecker. Sechs Uhr. Sie versucht zu schlafen, aber es misslingt ihr lange Zeit. Es ist, als würde sich immer noch etwas in ihr bewegen, obwohl sich ihr Körper im Ruhemodus befindet. So ganz, als ob Gedanken laufen könnten. Und sie merkt, dass sie das können, hin und her hüpfen, sodass man keinen Gedanken lang genug halten kann, aber weiß, dass sie da sind.

Autorin / Autor: Clara Schubert