Screenshots sind schlechte Gedächtnisstützen

Studie: Wir merken uns etwas nicht besser, wenn wir es digital festhalten.

Schnell noch einen Screenshot machen, dann vergesse ich es nicht? Von wegen! Laut aktuellen Forschungsergebnissen der Binghamton University, einer State University of New York, könnte diese Vorgehensweise dazu führen, dass ihr die so gespeicherten Informationen erst recht vergesst.

Das Forschungsteam hatte zunächst intensiv beleuchtet, wie und warum es zu dem sogenannten „Photo-Taking Impairment Effect“ kommt. Dieses schon oft beschriebene Phänomen beschreibt, wie durch den Vorgang des Fotoschießens häufig eine schlechtere Gedächtnisleistung an das Fotografierte verursacht wird. Das passiert besonders dann, wenn die Bilder anschließend nicht noch einmal angeschaut werden.

Die Forscher:innen wollten in ihrer Studie den Vorgang des Fotografierens durch einen allgemeineren Vorgang der digitalen Erfassung ersetzt wissen. Sie entschieden sich darum, Screenshots (hier von verschiedenen Kunstwerken) für ihre Experimente zu verwenden und tauften den beobachteten Effekt dementsprechend "digital capture effect".

Das Forschungsteam aus Binghamton führte eine Reihe von sieben Experimenten durch, um den Effekt der digitalen Aufzeichnung zu untersuchen. Die Teilnehmenden bekamen unter unterschiedlichen Bedingungen Kunstwerke zu sehen, die sie je nach wechselnden Anweisungen betrachten sollten oder einen Screenshot davon machen.
Dabei zeigte keines der Experimente klare Vorteile des Erstellens von Screenshots. Weder konnten die Testpersonen die digital erfassten Kunstwerke besser erinnern, noch hatten sie im Gegenzug frei gewordene kognitive Kapazitäten - um zusätzliche Aufgaben zu lösen, wie es in einem Experiment gefordert wurde.
Man weiß zwar aus einigen Untersuchungen, dass zumindest das Festhalten von Ereignissen durch Fotos auch positive Auswirkungen auf das Langzeitgedächtnis haben kann, allerdings machen wir so oft und so viele Fotos, dass wir sie gar nicht nutzen können - schätzungsweise rund 20 Fotos pro Tag, wobei auf einem durchschnittlichen Smartphone etwa 2.000 Fotos gespeichert sind.

„Solange man diese Bilder nicht aktiv als Anhaltspunkte für das detaillierte Abrufen von Erinnerungen durchgeht, ist es unwahrscheinlich, dass man davon profitiert“, sagt Forscherin Fabrizio.

Wie kommt es zur digitalen Amnesie?

Was genau verantwortlich ist für diese digitale Amnesie, dazu gibt es - vor allem in Bezug auf das Fotografieren - verschiedene Theorien. Eine davon ist die "divided attention" (geteilte Aufmerksamkeit). Der Vorgang, ein Erlebnis festzuhalten, bindet kognitive Ressourcen, die sonst für die Speicherung der Informationen im Gedächtnis vorgesehen wären.
Die Forschenden halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass das die Hauptursache für die Gedächtnisbeeinträchtigung ist, denn die Testpersonen zeigten auch dann ein schlechteres Erinnerungsvermögen, wenn ihnen vor oder nach dem Fotografieren zusätzliche Zeit zum Betrachten eines Kunstwerks gewährt wurde oder wenn die Aufgabe des Festhaltens unkompliziert war. Wer einen Screenshot auf dem eigenen Handy macht, muss nicht groß nachdenken und macht das vermutlich fast automatisch.

Eine andere Möglichkeit ist das sogenannte "cognitive offloading" (kognitives Auslagern). Vereinfacht gesagt: Weil wir wissen, dass die Informationen extern gespeichert werden, bemühen wir uns erst gar nicht, die Informationen im Kopf zu behalten. Wir verlagern die Gedächtnisarbeit sozusagen auf ein Gerät und können die dadurch freigewordenen geistigen Kapazitäten auf andere Aspekte einer Erfahrung lenken - soweit die Theorie.
Eine dritte Theorie namens „attentional disengagement“ (Aufmerksamkeitsentkopplung), besagt, dass wir durch den Vorgang des Fotografierens/digitalen Erfassens komplett abgelenkt sind und uns von dem Geschehen insgesamt distanzieren. Anders als bei der geteilten Aufmerksamkeit, bei der auch Kapazitäten frei werden, die wir dann für andere Aspekte der Situation nutzen können,  wird hier davon ausgegangen, dass wir dem gesamten Erlebnis gegenüber unaufmerksamer werden.

Ein eindeutiges Ergebnis konnte auch diese Studie nicht liefern. Deutlich wurde aber, dass eine Verschlechterung des Gedächtnisses bei digitaler Speicherung in allen Experimenten zu beobachten war und dass gleichzeitig keine Verbesserungen in anderen Bereichen zu sehen waren - wie es etwa beim kognitiven Auslagern vermutet wird.
Die Forschenden glauben darum, dass ihre Ergebnisse am ehesten die Theorie der Aufmerksamkeitsentkopplung stützen. Daran soll nun noch weiter geforscht werden.

Vorteil Stift und Zettel!

Für ein besseres Erinnern und Merken haben die Forscher:innen aber zumindest ein paar Tipps auf Lager. Der wichtigste: Stift und Zettel nehmen. Wer etwa Informationen im Unterricht oder einer Vorlesung gut im Gedächtnis behalten will, sollte nicht einfach die gezeigten Folien speichern. Sich eigene Notizen zu machen, zwingt uns dazu, die Informationen zu verarbeiten, in überschaubare Stichpunkte zu ordnen und Zusammenhänge herzustellen. Diese geistige Anstrengung, die als „erwünschte Schwierigkeit“ bezeichnet wird, kann dazu führen, dass wir uns die Informationen besser merken, sagen die Forscher:innen.

Immer funktioniert das allerdings auch nicht; manchmal kann das Aufschreiben zu einer kognitiven Entlastung führen – so wie wenn man den Geburtstag eines Freundes vergisst, nachdem man ihn in den Kalender eingetragen und Erinnerungen eingerichtet hat.
Insgesamt kann das Erstellen von Screenshots das Gedächtnis zwar potenziell ergänzen, vor allem, wenn ihr nur ein paar gezielte Aufnahmen macht und sie später nochmal anschaut. Aber ständig Screenshots zu machen und auf einer riesige Halde zu legen und nie wieder anzuschauen, ist definitiv nicht hilfreich.

Der gemeinsam mit Rebecca Lurie und der Psychologieprofessorin Deanne Westerman verfasste Artikel „Digital amnesia: The aftermath of a screenshot“ wurde kürzlich in der Fachzeitschrift „Memory & Cognition“ veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 24. August 2026