Heute war nicht sonderlich viel zu lernen gewesen, da ich erst Montag meine Hausarbeit abgegeben hatte. Ich hatte mir wirklich viel Mühe dafür gegeben und war so in der letzten Woche kaum dazu gekommen, mit Aila zu zocken oder fernzusehen. Als ich mit meinen täglichen Schreibeinheiten fertig gewesen war, war sie schon längst im Bett. Jetzt konnte ich es endlich mal wieder ruhig angehen und so freute ich mich schon auf das Training. Es war für mich immer so eine Art Entspannung. Dort konnte ich alle Sorgen und Probleme einfach vergessen.
Nach dem Training fuhr ich immer mit dem Bus direkt zu meiner Studienwohnung. Aber seit Mitte des letzten Jahres, wohnte ja auch Aila bei mir. Also, wir waren nicht zusammen oder so. Wir waren, wahrscheinlich, nur befreundet. Oder? Ja bestimmt! Halt wie in einer normalen Studenten WG, in der nur ein Mann und eine Frau gleichen Alters wohnten. Mann! Was war denn heute wieder los mit mir? Ok klar, Valentinstag, aber sonst war das doch auch nicht so. Ok, sonst wohnte aber auch keine superhübsche, superfreundliche und superwitzige top Frau in meiner Wohnung. Hätte ich ihr etwas schenken sollen? Boah, mein Bauch zog sich schon wieder so zusammen. Schlussendlich ging ich dann doch auf dem Rückweg noch schnell eine Rose und einen Kasten von Ailas Lieblingsschokolade kaufen. War zwar echt teuer, aber das war sie mir allemal wert. Dadurch war ich dann nur etwas später zuhause, denke so gegen sieben. Als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte und die Schuhe auszog, bemerkte ich einen leichten Geruch, der in den Flur drang. „Aila?! Machst du Essen?!“ Stille. Ich hängte meine Jacke an den Haken und ging den Flur weiter entlang. Ich öffnete die Tür zu meinem Zimmer und warf den Rucksack zum Schreibtisch. Die Rose und die Schokolade legte ich darauf. Dann schnappte ich mir nur schnell eine neue Unterhose und meine „Wohlfühlklamotten“ und ging dann zum Bad. Ich öffnete die Tür und rief ins Wohnzimmer: „Bin wieder da! Gehe nur schnell duschen!“ Plötzlich stand Aila direkt vor mir und sagte: „Ja... gut. Ich ziehe mich auch gleich nochmal um. Das Essen ist fast fertig, ich habe mir gedacht, dass du nach dem Sport sicherlich Hunger hast.“ „Ja danke, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen…“ „Jetzt geh schon duschen, ich sag dir Bescheid, wenn´s Essen gibt!“, schob sie mich ins Bad und schloss die Tür hinter mir. Okay? Na gut, dann sollte ich das wohl mal machen.
Nachdem ich geduscht hatte, lief ich wieder zurück ins Zimmer und mein Blick blieb an den Geschenken auf dem Tisch hängen. „Du kannst jetzt kommen!“, tönte Ailas Stimme aus dem Wohnzimmer. Ich atmete einmal tief durch, dann nahm ich den Schokoladenkasten und schob ihn unter meinen Pullover. Die Rose nahm ich in die linke Hand und versteckte sie hinter dem Rücken. Ein kleiner Spritzer von meinem Parfum und dann zum Essen.
Als ich dann ins Wohnzimmer, das gleichzeitig mit der Esszimmer-Küche verbunden war, trat, blieb ich plötzlich, wie erstarrt, stehen. Das Licht war nur im hinteren Teil des Wohnzimmers an, sodass das meiste Licht in der Küche von den Kerzen auf dem Esstisch kam. Doch das war das, was mich in diesem Moment am wenigsten verwunderte. Auf dem Tisch standen zwei Teller, gefüllt mit köstlich riechenden Spaghetti, inmitten von roten Blütenblättern. Blütenblätter? Aber am meisten war ich über Aila verwundert. Sie saß vor einem der Teller und drehte verlegen am Stängel einer der Rosen, die sich in einem Glas in der Tischmitte befanden. Sie trug ein schwarzes, an ihr atemberaubend schönes, Abendkleid. Ihre rotgewellten Haare hingen herunter und verbargen so ihr einfach nur perfektes Gesicht. „Aila?“ Schnell ließ sie den Stängel los, strich sich die Haare zurück und sah mich verlegen an. Sie versuchte es zumindest: „Weißt du… heute ist doch Valentinstag.“ Sie sah zu Boden. „Du meintest mal, dass du es oft bei Frauen versucht hast und jedes Mal abgewiesen wurdest, sodass du jetzt keinen Mut mehr dazu hättest, es noch weiter zu versuchen. Also wollte ich…“ „Den ersten Schritt gehen?“, lächelte ich sie jetzt warm an. Dann ging ich zum Tisch, steckte meine Rose ins Glas und setzte mich. Etwas umständlich kramte ich den Schokoladenkasten unter meinem Pulli hervor und reichte ihn Aila: „Danke, dass du ihn gewagt hast. Unterwegs habe ich noch die hier für dich besorgt, weil ich weiß, dass du die so gerne magst, aber ob ich sie dir hätte geben können, geschweige denn die Rose…“ Aila stand auf. Sie wirkte traurig, aber schien glücklich zu sein. Trotzdem schien sie kurz davor zu sein, zu weinen. Plötzlich machte sie einen großen Schritt auf mich zu und umarmte mich. Sie drückte sich fest an mich und wisperte den Tränen nahe: „Ich liebe dich.“