„Wenn das hier noch länger dauert, falle ich diesen Abhang herunter", ächzte meine beste Freundin Lizzy während wir den Berg hochkraxelten. „Wieso musstest du auch die schwierigste Route heraussuchen, bei deinen Kletterkünsten?", fragte ich und kniff ihr dabei in den Arm. „Zwei Worte: Der Ausblick", lachte sie, und rieb sich den Arm. Ich war froh, sie endlich wieder lachen zu sehen. Besonders nach dem, was letztes Jahr passiert ist.
Gerade, als ich einen Witz über die Berge machen wollte, blieb sie ruckartig stehen und drehte sich zu mir um, ihre Augen huschten von links nach rechts, so als würde sie die Umgebung nach etwas oder jemandem absuchen. Verwirrt stoppte ich und blickte mich um, hatte sie etwas gesehen? Rechts neben mir war nur der steile Abhang, und hinter und vor uns befand sich der Wanderweg, der sich durch den Wald aus Birken schlängelte. „Riechst du das?", fragte sie, und blickte mich dabei mit aufgerissenen Augen an, „es riecht nach: VERRAT!" Sie starrte mich mit einem so hasserfüllten Blick an, dass ich merkte wie sich jedes einzelne Haar in meinem Nacken aufstellte. Was ist auf einmal los? Bevor ich reagieren konnte, hatte sie mich schon am Hals gepackt und drängte mich an den Rand des schmalen Wanderweges, so dass meine Beine kaum mehr den Grund berührten. „Ich weiß ganz genau, dass du es warst! Du bist schuld am Tod meines Bruders! Und dafür wirst du nun bezahlen!", schrie sie, und drückte mich immer weiter nach vorne. Ich hatte keine Chance mich zu wehren, da sie einen halben Kopf größer, und eindeutig stärker als ich war. „Wir hatten einen Autounfall!", gab ich stockend zurück, da sie mir langsam aber sicher die Luftröhre zu drückte. Ja, ich war dabei gewesen als ihr Bruder starb, aber ich konnte nichts dafür! Ein anderes Auto war mit viel zu hoher Geschwindigkeit gegen unser Auto gefahren, und Lizzys Bruder überlebte es nicht. Ich selbst bin noch mit einer Gehirnerschütterung und mehreren Brüchen davon gekommen, aber ich hätte nichts tun können um Carlos zu retten! „Lass. Mich. Los!", keuchte ich und versuchte erneut mich zu wehren. „Mit Vergnügen", lächelte sie und ließ los. Ich fiel mehrere Meter den Abhang hinunter und das letzte was ich sah war Lizzys zufriedenes Lächeln, bevor alles schwarz wurde.
Piep. Piep. Piep. Das beständige piepen eines Monitors ließ mich aufschrecken. Wo war ich? Ich blickte mich um und erkannte, dass ich in einem Krankenzimmer lag. Mehrere Kabel waren an mir angeschlossen, und meine Beine taten höllisch weh, aber ansonsten ging es mir gut. Langsam schweifte mein Blick durch das Zimmer. Wie war ich hier gelandet? Kurz darauf kam eine Schwester in den Raum, und beantwortete mir meine Frage. Anscheinend sah ein junges Paar beim Wandern, wie Lizzy mich den Abhang hinunter stieß, und verständigte sofort die 112. Durch ihre schnelle Reaktion, habe ich überlebt. Ich war ihnen eindeutig ein Dankeskärtchen schuldig. „Was ist mit Lizzy? Hat die Polizei sie geschnappt?", fragte ich, und merkte wie mein Herz schneller schlug. Der Schwester schien auch nicht entgangen zu sein, dass ich immer panischer wurde, denn das Piepen der Monitore wurde von Sekunde zu Sekunde schneller. „Ähm, naja es ist so, dass Lizzy selbst zur Polizei gegangen ist und behauptet hat, dass du sie angegriffen hast, und sie sich nur gewehrt hat", druckste sie. „Wie bitte?", keuchte ich erschrocken. Das Pärchen war bestimmt zu weit weg gewesen um zu erkennen, wer wen zu Erst angegriffen hat, was bedeutet, dass ich keine Zeugen habe, die bestätigen, dass eigentlich ich das Opfer war! „In drei Monaten ist der Gerichtstermin, da wird sich alles klären", versuchte die Schwester mich zu beruhigen. Vor Gericht würde ich verlieren. Es ist das typische Verhältnis, arm gegen reich. Lizzys Familie hat sehr viel Geld, und ich dagegen zwei Jobs und werde mir trotzdem keinen guten Anwalt leisten können.
Ich musste fliehen, und dank dem Adrenalin in meinem Körper, vergaß ich die Schmerzen. Als die Schwester den Raum verließ, riss ich mir die Kabel vom Leib, und stieg aus dem Bett. So gut mich meine Beine trugen, rannte ich aus dem Krankenhaus und zu mir nach Hause. Ich holte mein ganzes Geld und stieg in mein Auto, bereit los zu fahren. „Warum?", schluchzte ich und schlug auf das Lenkrad, „warum nur kommen reiche Menschen immer mit allem durch, und wir, die Armen, verlieren alles was uns noch bleibt? Warum ist nie jemand auf unserer Seite? Wieso waren immer wir, immer ich, das Opfer?!"