Du hast meinen roten Becher genommen.
Ich weiß noch, dass ich mich darüber geärgert habe.
Nicht wirklich.
Nur ein bisschen.
Es war der Becher mit dem abgesplitterten Rand, den ich eigentlich nicht mochte. Du mochtest ihn, weil er schwerer war als die anderen.
„Der ist meiner“, habe ich gesagt.
„Jetzt nicht mehr.“
Dann hast du Kaffee eingeschenkt.
Das war alles.
Wir standen barfuß in meiner Küche, viel zu müde für die Uhrzeit. Draußen regnete es. Auf dem Fensterbrett lag deine nasse Jacke, und auf dem Tisch standen zwei Teller, obwohl wir nur aus einer Schüssel gegessen hatten.
Du hast über etwas gelacht, das ich schon wieder vergessen habe.
Ich erinnere mich nur an dein Lachen.
Es war nicht besonders.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ich es geliebt habe.
Damals dachte ich, Liebe müsse sich besonders anfühlen.
Heute weiß ich, dass sie meistens nur wie ein gewöhnlicher Dienstag aussieht.
Du hast deinen Kaffee getrunken und gesagt:
„Ich glaube, ich habe Angst.“
Ich fragte nicht, wovor.
Ich hatte Angst, dass die Antwort etwas mit mir zu tun haben könnte.
Also sagte ich:
„Wovor?“
Du hast auf den Becher gesehen.
„Dass irgendwann alles vorbei ist und man gar nicht merkt, wann.“
Ich weiß noch, dass ich darüber gelacht habe.
„Das ist ziemlich dramatisch.“
„Ich weiß.“
Du hast auch gelacht.
Dann hast du den Becher abgestellt.
„Wenn du irgendwann nicht mehr weißt, ob du mich geliebt hast, dann erinner dich an heute.“
Ich sagte:
„Warum?“
Du zucktest mit den Schultern.
„Weil heute nichts passiert.“
Ich habe den Satz damals nicht verstanden.
Ich dachte, du meinst, dass heute nichts Schlimmes passiert.
Jahre später glaube ich, dass du etwas anderes gemeint hast.
Vielleicht.
Ich weiß es nicht.
Das ist inzwischen das Wort, das ich am häufigsten mit dir verbinde.
Vielleicht hast du mich geliebt.
Vielleicht hast du nur gern neben mir gesessen.
Vielleicht hast du meine Hand genommen, weil du meine Hand nehmen wolltest.
Vielleicht, weil sie gerade da war.
Vielleicht war der rote Becher nur ein Becher.
Vielleicht war er irgendwann wirklich deiner.
Nach dieser Nacht haben wir uns noch oft gesehen.
Wir stritten.
Wir versöhnten uns.
Wir schwiegen.
Wir kauften Brot.
Wir vergaßen Milch.
Einmal hast du mir eine Socke vor die Tür gelegt, weil du sie bei mir vergessen hattest und zu faul warst, wieder hochzukommen.
Ich habe sie aufgehoben und gedacht:
So sieht Liebe also aus.
Eine einzelne Socke vor einer Wohnungstür.
Nicht schön.
Nicht groß.
Nur da.
Ich habe sie behalten.
Nicht absichtlich.
Sie lag irgendwann zwischen anderen Sachen.
Dann war sie weg.
Ich weiß nicht, wann.
Wir waren irgendwann auch weg.
Nicht auf einmal.
Es gab keinen letzten Streit.
Keinen letzten Kuss, bei dem wir wussten, dass es der letzte war.
Es wurde einfach weniger.
Eine Nachricht am Morgen wurde zu einer am Abend.
Aus „Kommst du?“ wurde „Wenn du willst.“
Aus „Ich liebe dich“ wurde irgendwann gar nichts.
Vielleicht war das feige.
Vielleicht war es freundlich.
Vielleicht waren wir einfach müde.
Viele Jahre später war ich wieder in dieser Küche.
Die Wohnung gehörte inzwischen jemand anderem.
Ich war nur dort, um einen Schlüssel abzuholen.
Der rote Becher stand noch im Schrank.
Ich nahm ihn heraus.
Der abgesplitterte Rand war noch da.
Ich musste lachen.
Dann stellte ich ihn zurück.
Auf dem Heimweg dachte ich an diesen Abend.
An den Regen.
An deine Jacke.
An deinen Kaffee.
An den Satz, den ich damals nicht verstanden hatte.
Wenn du irgendwann nicht mehr weißt, ob du mich geliebt hast, dann erinner dich an heute.
Ich hatte mich nie gefragt, warum du das gesagt hattest.
Bis heute.
Ich habe dir nie erzählt, dass ich den Becher gefunden habe.
Ich habe dir auch nie erzählt, dass ich manchmal noch an diesen Abend denke.
Vor drei Tagen bekam ich eine Nachricht von dir.
Nur ein Satz.
„Ich war heute in der Stadt.“
Mehr nicht.
Ich sah lange auf die Nachricht.
Dann schrieb ich:
„Ich auch.“
Du hast nicht geantwortet.
Vielleicht hattest du die Nachricht nur aus Versehen geschickt.
Vielleicht wolltest du mir schreiben.
Vielleicht hast du dich vertippt.
Vielleicht hast du an mich gedacht.
Vielleicht auch nicht.
Ich habe die Nachricht nicht gelöscht.
Heute Morgen habe ich den roten Becher aus dem Schrank genommen.
Ich habe Kaffee hineingegossen.
Dann habe ich ihn auf den Tisch gestellt.
Ich saß davor und wartete auf irgendetwas.
Traurigkeit.
Liebe.
Erinnerung.
Eine Antwort.
Nichts kam.
Vielleicht war genau das die Antwort.
Ich trank den Kaffee aus.
Dann spülte ich den Becher.
Dabei fiel er mir aus der Hand.
Er zerbrach nicht.
Nur ein kleines Stück vom roten Rand sprang ab.
Ich sah lange auf das Stück Keramik in meiner Handfläche.
Dann warf ich es weg.
Den Becher behielt ich.
Ich weiß nicht, warum.
Vielleicht, weil ich inzwischen verstanden hatte, dass Erinnerungen nicht deshalb weh tun, weil sie vorbei sind.
Sondern weil sie nie gefragt haben, ob sie für beide dasselbe bedeutet haben.
Und manchmal denke ich noch an dich.
Nicht jeden Tag.
Nicht einmal jede Woche.
Aber manchmal, wenn es regnet und ich zu müde bin, um mich abzulenken, nehme ich den roten Becher aus dem Schrank.
Dann stelle ich ihn vor mich hin.
Und für einen kurzen Moment ist wieder alles da.
Deine Stimme.
Dein Lachen.
Deine nasse Jacke.
Dein Kopf über dem Kaffee.
Und dieser Satz.
Wenn du irgendwann nicht mehr weißt, ob du mich geliebt hast, dann erinner dich an heute.
Ich weiß nicht, warum du ihn gesagt hast.
Vielleicht wusstest du schon damals, dass ich mich später an diesen Abend erinnern würde.
Vielleicht wusstest du auch nur, dass manche Augenblicke bleiben, gerade weil nichts in ihnen passiert.
Ich erinnere mich heute vor allem an deinen Blick, als du den Satz gesagt hast.
Nicht liebevoll.
Nicht traurig.
Fast erleichtert.
Als wüsstest du etwas, das ich noch nicht wusste.
Dass du mich längst verlassen hattest.
Nur ich war noch da.