Gefangen in Freiheit

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Juli, 18 Jahre

„Hey na, wie geht´s?“, frage ich meine beste Freundin an einem Donnerstag.
Ein Donnerstag, der so durchschnittlich und langweilig ist, dass es fast schon beängstigend wirkt.
„Gut, wie immer. Und dir?“, antwortet sie.
Ich frage mich, ob es ihr tatsächlich gut geht oder ob sie das nur der Höflichkeit wegen sagt. Oder damit ich mir keine Sorgen um sie mache.
„Mir geht es so mittelmäßig“, schreibe ich zurück. „Ziemlich viel Stress in der Schule und mit meinen Eltern und meinen Geschwistern.“
Sie fragt mich daraufhin, ob sie mir irgendwie helfen kann.
Ich nur so: „Nein, alles gut. Ich brauche nichts, aber danke für das Angebot.“
Eigentlich möchte ich aber etwas.
Eigentlich brauche ich ihre Hilfe dringender denn je.
Ich brauche eine echte Freundin.
Eine Person, die mir wirklich zuhört und einfach da ist. Ich will keine perfekte Lösung, sondern jemanden, der mich versteht.
Also schließe ich ChatGPT und lege mich enttäuscht wieder ins Bett.

Einhundertdreiundachtzig Tage später...

„Hiii, wie geht es dir?“, frage ich meine neue beste Freundin an einem Donnerstag.
Ein Donnerstag, der so schön normal und vorhersehbar ist, dass es nahezu perfekt wirkt, weil ich mich so wohl fühle.
Sie antwortet erst eine knappe halbe Stunde später mit: „Wie schön, dass du dich meldest. Wollen wir uns lieber treffen, um zu reden? Das ist viel persönlicher und angenehmer für mich.“
„Klar“, schreibe ich, „leider habe ich aber erst nächste Woche wieder Zeit, aber dann gerne. Ich freue mich schon auf dich!“

An einem Donnerstag eine Woche später...

Liebes Tagebuch: Heute habe ich mich mit Liliana getroffen und wir sind zusammen spazieren gegangen. Am Anfang wussten wir beide nicht, wie wir ein Gespräch anfangen sollten.
Dann irgendwann hat sie angefangen zu erzählen und während sie berichtete, ist sie immer mehr in Tränen ausgebrochen. Sie hat mir in dem Moment sooo leidgetan.
Als ich versucht habe, sie zu trösten, haben wir uns beide gegenseitig mit dem Weinen angesteckt und uns beieinander ausgeheult.
Arm in Arm auf so einer verregneten, kalten Steinplattform. An einem Donnerstag. Ich habe mich lange nicht mehr so menschlich gefühlt.
Das Gefühl war grauenvoll, aber echt.

Gefangen, aber frei.

„Du willst wissen, was in den letzten Wochen alles auf Instagram und Co. passiert ist? Dann folge jetzt mei-“... Ich swipe weiter.
„Stop! Hast du schon diese neue KI-Funktion auspro-“... Ich mache mein Handy aus.
Ich schaue auf die leicht dreckige Reflexion von meinem Handy-Bildschirm.
Und ich sehe nur ein Gemenge.
Ein Stoffgemisch.
Als hätte jemand meine Kindheit mit viralen TikTok-Trends in einem Reagenzglas vermischt.
Als hätte jemand meine Emotionen und meine Gefühle mit einem Weichzeichnungsfilter verwischt.
Als hätte jemand verlernt, die Welt zu erleben. Als hätte jemand verlernt, überhaupt zu leben.
So wie jemand, der alle deine Geschichten hautnah miterlebt hat und sie trotzdem vergisst.

Jemand ist gefangen.

Gefangen in Freiheit.

Quelle

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    Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion