Wellen
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Nala Holland, 18 Jahre
Die letzten Meter ins Wasser sind würdelos; immer glaubt sie, gleich auszurutschen. Und heute sind es nicht nur die Steine– große, graue Klumpen, von angetrockneten Algenbüscheln durchwebt– die Probleme bereiten. Sobald ihre Füße nass sind, spürt sie vor allem die Brandung, strauchelt beim ersten Schritt ins Tiefere, weil die Wellen über echte Kraft verfügen. Dabei ist es nur die Ostsee. Gestern noch war sie mit dem Kayak unterwegs, das Meer ein alter Spiegel. Aber sie braucht heute die See, muss endlich einmal frei atmen können. Und so kämpft sie sich weiter. Sobald sie es bis zur Hüfte geschafft hat, springt sie in die Gischt, taucht unter wie eine kleine Meerjungfrau.
Oder eher eine Nixe mit Zähnen wie ein Raubfisch. Seit ihrer Kindheit hat sie perfektioniert, wie weit sie gen Grund gehen muss, um unversehrt unter den heranrollenden Wellen hindurchzutauchen, aber trotzdem noch etwas von ihrer Macht kosten zu können. Dieses Ziehen über ihr, das Drängen gen Ufer. Das Brennen auf ihrer Kopfhaut, wenn ihre Haare erwischt werden. Der Druck auf Rücken und Beinen.
Ungeschönte Empfindungen, weil das Salzwasser jeden Schein wegspült.
Irgendwann hat sie sich eingeschwommen, nimmt den Nervenkitzel kaum noch wahr. Früher hat es sie länger beschäftigen können, ihr kleines Spiel mit dem Meer; heute dauert es nicht lange, bis der Frust zurückkehrt. Und weil sie auch dies schon lange kennt, gibt es einen weiteren Trick. Sie krault weiter, gut fünf weitere Meter weg vom Strand. Dann taucht sie ab, langsam und genussvoll. Krümmt sich unter Wasser wie ein Embryo, ballt die Hände zu Fäusten und schreit. Sie hat es schon häufiger an Land probiert und nie ist ihr auch nur ein Ton über die Lippen gekommen. Auch, als sie damals ganz alleine auf dem Feld stand, mit dem tosenden Wind in den Ohren.
Es tut gut, den eigenen Schrei zu hören. Wie ihn das Wasser verzerrt, als wäre sie tatsächlich ein Fabelwesen. Macht es leichter, der Wut zu begegnen. Als sie sich ausgeschrien hat, taucht sie auf und sieht gerade noch den Berg, der sich nun direkt vor ihr auftürmt. Dann bricht er über ihr zusammen. Es ist die größte Welle, die sie heute gesehen hat und eigentlich ist sie zu früh eingestürzt. Dafür ist sie doch extra rausgeschwommen, schießt ihr durch den Kopf, als sie dieses Mal unvorbereitet erwischt wird. Einen Moment liegt sie in einer Waschmaschine und ihre Glieder gehören nicht ihr selbst. Dann liegt sie keuchend im flacheren Wasser, der Rotz schießt ihr aus der Nase. Ihr fällt ein, dass die Mutter sie früher immer Rotzgöre genannt hat.
Das Meer hat zurückgeschrien, keinen Zweifel. Sie haben wohl beide Dampf abzulassen.
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Autorin / Autor: Nala Holland