Sprung ins kalte Wasser

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Stella H., 17 Jahre

„Jetzt spring endlich!“, schrie Fiona.

Sie sah vom Rand der Klippe betrachtet ganz klein aus, wie sie dort unten am Ufer des Bergsees stand und zu Lara hinaufbrüllte.

Lara zitterte. Sie trug nur ihren rosa Lieblingsbikini und der Wind peitschte über die Klippen, als wollte auch er Lara zum Springen bewegen.
Vorhin hatte sich alles so einfach angefühlt. Als Fiona sich am Morgen darüber lustig gemacht hatte, dass Lara in der Nacht bei jedem Geräusch außerhalb des Zeltes zusammenzuckte, war es ihr ganz leicht über die Lippen gegangen: „Dafür traue ich mich, von der Klippe in den Bergsee zu springen!“

Natürlich hatte Fiona sich auf die Aussage gestürzt wie ein ausgehungerter Hund auf einen Knochen. Fiona wurde nicht selten gemein, wenn sie müde und erschöpft war. Ein Zustand, den sie auf ihrem gemeinsamen Camping- und Wanderausflug mehr als einmal erreichte.

Jetzt stand Lara also zitternd auf der Klippe, der eiskalte Bergsee zehn Meter unter ihr. Neben dem kleinen See blickten eine selbstgefällige Fiona und eine besorgte Tilda zu ihr hoch.

Lara wusste, dass Tilda nicht begeistert von der Idee war. Das Gesicht ihrer Freundin war von wild umherwirbelnden Haaren verborgen, doch Lara konnte sich die Falte auf ihrer Stirn sehr gut vorstellen. Tildas Stimme hallte in ihre Gedanken nach: Das ist Schwachsinn, Lara. Lass dich nicht von Fiona zu so etwas überreden. Da kann soviel schiefgehen! Was machen wir, wenn du dich verletzt? Hier gibt es keinen Empfang und zu zweit kriegen wir dich sicher nicht den Berg hinunter!

Lara wünschte sich, sie hätte auf Tilda gehört.

„Worauf wartest du? Spring jetzt!“, brüllte Fiona und wippte von einen Fuß auf den anderen.

Lara biss sich auf die Lippe. Graue Wolken spiegelten sich auf der Oberfläche des Sees. Der Blick in die Tiefe ließ ihr die Knie weich werden.
Ihre Augen wanderten ein weiteres Mal zu ihren Freundinnen.
Fiona wippte immer ungeduldiger umher, während Tilda kaum merklich den Kopf schüttelte.

Das genügte für Lara. Sie drehte sich um, wandte der Klippe den Rücken zu und kletterte vorsichtig den Abstieg zum See hinunter. Es dauerte einige Minuten, bis sie neben ihren Freundinnen ankam.

„Was ist los? Hattest du Angst zu springen?“, fragte Fiona. Ihr fiel es sichtlich schwer ein überlegendes Grinsen zu unterdrücken.

Lara zuckte mit den Schultern. „Ja. Das war es nicht wert.“

Fiona rollte mit den Augen. „Also hatte ich doch recht, du traust dich nicht.“ Lara senkte den Kopf und schaute betreten auf ihre nackten Zehen.

„Ist doch egal“, schaltete sich Tilda ein.

Fiona öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, doch als sie Tildas scharfen Blick auffing, schloss sie ihn wieder. Sie schnalzte mit der Zunge. „Ich bau dann mal das Zelt ab.“ Schon stapfte sie davon.

Lara hob ihren Blick und blickte Tilda an. Ihre Freundin lächelte ermutigend. Sie zog ihre Jacke aus und legte sie Lara vorsichtig über die Schultern. „Damit du nicht krank wirst. Immerhin haben wir noch ein ganzes Stück Wanderweg vor uns.“

„Danke“, gab Lara zurück. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Fiona wird mich das den ganzen Urlaub nicht vergessen lassen, oder?“

Tilda legte den Kopf schief. „Ist doch egal. So ist Fiona eben manchmal.“ Sie zog Lara in eine Umarmung. „Ich bin trotzdem stolz auf dich.“
„Aber warum? Ich bin doch gar nicht gesprungen.“
„Genau!“, sie löste die Umarmung und sah Lara fest in die Augen. „Du hast erkannt, dass es ein Fehler war und anstatt weiterzumachen, hast du eine Grenze gesetzt. Das erfordert Mut.“

„Oh“, sagte Lara und ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus.

„Das ist viel mutiger als von der Klippe zu springen, nur um jemand anderem zu gefallen.“

Plötzlich ertönte Fionas Stimme aus der Richtung ihres Zeltes: „Ich brauch ein paar weitere Hände beim Zusammenfalten der Plane!“

„Wir kommen!“, rief Tilda und zwinkerte Lara zu. Sie drehte sich um und lief los, um Fiona zu helfen. Für einen Augenblick verweilte Lara noch still allein am Bergsee, dann folgte sie Tilda.

Über den Freundinnen riss die Wolkendecke auf und Sonnenstrahlen kitzelten Laras Haut.

Sie musste lächeln. Heute würde ein guter Tag werden, sie konnte es fühlen.

Autorin / Autor: Stella H.,