Auf einen Kaffee mit Vati

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Melanie Sterzinger, 43 Jahre (außer Konkurrenz)

Als ich 10 Jahre alt war, hat sich mein Vater das Leben genommen. Das Telefon klingelte, meine Mutter ging ran. Er hing währenddessen nicht mehr im Wald. Meine Augen suchten verzweifelt nach Halt. Meine Hände zitterten vor Angst. In diesem Moment wurde ich still. Und nie wieder wirklich laut. Ich verlor das Vertrauen. Die Sicherheit. Die Illusion eines Vaters. Der mir in Wahrheit nie einer war. In der Zeit danach wurde nicht über ihn gesprochen. Er wurde totgeschwiegen. Was für ein makaberes Bild. Es gab keine Beerdigung. Keine Verabschiedung. Keine letzte Ruhe. Weder für ihn. Noch für mich. Er war nun genauso wenig da, wie er es zuvor gewesen ist. Jeden Tag war er zuhause und doch so weit entfernt. Das Schnapsglas in seiner Hand, das Bier eine Armlänge voraus, der Spielautomat blinkte in den buntesten Farben. Töne schrillten. Verlieren oder gewinnen, das war vollkommen egal. Und doch ist es so seltsam. Wenn ich an ihn denke, spüre ich Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die sich in mein Herz bohrt.  Ich wünschte, er könnte mich sehen, mich halten, bei mir sein. Ich wünschte er könnte mir sagen, was in seinen Gedanken vor sich geht. In seinen Gefühlen. In seinem Tag. Seine Stimme ist längst stumm, seine Blicke schon lange leer. Meine Erinnerungen blass wie Nebel überm Meer. Als er starb, habe ich das Buch mit all den Erinnerungen versiegelt. Ich habe es in Kisten verpackt. Mit Folie umwickelt. In Gedanken angezündet und verbrannt. Ich habe es versteckt in der hintersten Eckes meines Bücherregals. Ich habe ihn entfernt, aus meinen Gedanken, aus meinen Gefühlen, aus meiner Welt. Doch wie alles was wir in unserem Leben verstecken wollen, kam auch diese Geschichte eines Tages zurück. Mein eigener Körper zwang mich zu Boden. Mein Herz polterte umher. Es wollte meine Aufmerksamkeit, so sehr. Meine Welt zerbrach in tausend Stücke. Ich hatte Angst meine Kinder zu verlieren. Punkt. An mein Leben dachte ich erst danach. Die Reißleine brachte mich zurück auf die Beine. Ich lernte, ich verstand, ich fühlte, ich verzeihte. Ich fiel hin und stand wieder auf. Ich verlor mich selbst und setzte mich wieder zusammen. Einmal. Zweimal. Hundertmal. Ich fühlte so viel durch, bis ich ankam, bei all den Geschichten, die schmerzend in meinem Herzen lagen. Und dann irgendwann wurde daraus Frieden. Eines Tages klingelte ich bei meinem Vater. Er öffnete die Tür. Sah mich mit seinen großen Augen, die aussahen wie meine eigenen liebevoll an. Er öffnete seine Arme und hielt mich ganz fest. Kurze Zeit später dampft der Duft von Kaffee in meine Nase. Meine Hand liegt auf seiner. Wir lächeln uns an und erzählen über alte Zeiten. Über das, was ihn bewegt und über das, was in unseren Herzen wohnt. Wir reden. Wir lachen. Wir liegen uns in den Armen. Als ich gehe, drehe ich mich noch einmal zu ihm um. Ich küsse ihn auf die Wange. Drücke ganz fest seine Hand. Ich flüstere in diesem Moment, leise Worte in sein Ohr. Er kann sie hören, fühlen, mit ihnen sein. Es sind Worte wie Danke, bis bald und ich habe dich lieb. Du bleibst hier bei mir mein kleines Kind. Ich lass dich nie mehr gehen. Es kommen Wolken und Regen, doch nichts kann uns mehr trennen. Ein Gefühl von zuhause, das nie existierte, lebt wenigstens in diesem Traum. Lebt weiter seine Jahre, in Gefühlen und Gedanken. In einem Frühling, einem Sommer, einem Herbst und einem Winter. Jahr für Jahr. Mit der gelben Tischdecke auf der Holzplatte, dem Polster aus Cord. Dem Licht, das ins Zimmer fällt, bevor der Vorhang sich wieder schließt. Der Duft von Kaffee geht mit mir hinaus. In eine Welt, in der Frieden im Herzen und Gedanken der Liebe, den Tag erhellen. Egal, was auch war, warum du auch immer gegangen bist. Ich habe es nie verstanden. Dein Fortgehen, deine Gedanken, das, was du fühltest. Ich war so weit weg. Obwohl ich neben dir stand. Dich beobachtet habe. Mir wünschte, du würdest einmal zu mir hinübersehen. Deine Arme öffnen. Und mich halten. Ich weiß, wir sehen uns nie wieder. Deine Augen berühren nie mehr meine. Deine Hand hält mich in Gedanken. Und in meiner schönsten Vorstellung klingle ich nächste Woche wieder bei dir. Sitze am Tisch mit der gelben Decke. Fühle meine Beine auf dem Stoff aus Cord. Der Duft deines Kaffees steigt mir in die Nase und deine Hand liegt wie immer auf meiner.

Autorin / Autor: Melanie Sterzinger