Wir zwei allein
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Oli Liss, 18 Jahre
Die Keuschheit ist das Gegengesetz der Nacht. Wenn sich Hände ineinander falten, die DNA sich vermischt und Kleider lautlos auf dem Boden landen.
Es ist dunkel. Nur der Glanz weinender Augen übertrifft die sternenlose Nacht.
Haustüren fallen zu, Fenster werden geöffnet, Mitternachtszigaretten angezündet.
Flüchtige Blicke, bis Münder aufeinandertreffen und die Haut sich zitternd erwärmt.
Nur das Segeln der Blätter zum Boden legt sich über die Nacht. Das Grauen draußen und drinnen, während die letzten Lichter des Hochhausghettos ausgehen. Der Charme einer Kleinstadt, die nicht nur nachts schläft. Nebeneinander, aneinander gekuschelt und doch allein, einmal im Monat dem Mond überlassen. Die Kinder des Himmels. Verliebt. Entliebt. Vergessen.
„Ich war noch nie so einsam wie mit dir zusammen.“ Deine Worte trüben mich. Jedes einzelne bringt mich ein Stück näher an den Galgen. Du drosselst mir die Luft ab. Schneidest durch mein Leben und bringst nichts als Leid mit dir.
All die Käfer umkreisen unsere Füße, meine und deine, und man könnte meinen, das wäre ein Fortschritt in Richtung Glück. Doch ich, ich blicke tiefer in deine honigfarbenen Bienenaugen. Ich sehe dir beim Sterben zu.
Meine Augen erröten. Zu spät. Zum Glück habe ich dich nicht aufgehalten in meinem trügerischen Erlösungsversprechen.
Eigentlich müsste ich es längst wissen. Es gibt kein Glück auf Erden für den einen, wenn dem anderen Unrecht geschieht. Jeden Tag sterbe auch ich, aber nie ganz. Wie immer mein trügerischer Schein. Zum Glück, hättest du gesagt, zwischen den Windglocken, Knochenzäunen und Bibelversen. Du konntest sie alle auswendig und ich habe nie gefragt, von wem. Ich habe es mir gedacht. Zum Glück hattest du jemanden, der dich verstand, der immer da war. Er hat dich von den Schmerzen erlöst, hat mich aufblühen lassen. Zum Glück, denn nur Gott selbst wusste es. Es war Schmerz. Purer Schmerz. Du und ich. Zum Glück. Zum Ende.
„Es hat nichts mit dir zu tun...“ zum Glück denke ich, in all meiner Anhänglichkeit und der Ausführlichkeit meiner Schuldgefühle.
Zum Glück sagst du diese Worte zu mir! Bei allen anderen wären sie überflüssig. Bei dir sind sie ein Lebenszeichen. Ein Beweis der Realität, ich gewinne.
Wir werden geboren, um zu leben. Wir leben, um zu sterben. Zum Glück nicht andersherum, auch wenn du deinen Tod mit Erlösung gleichsetzt.
Und du flehst mich um Einsicht an, appellierst an meine Empathie, bringst mich um den Verstand.
Und ich? Ich denke mir nichts dabei, denn zum Glück denke ich längst nicht mehr.
Was bleibt, ist mein Körper. Mein Körper, umschlungen um deinem Körper.
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Autorin / Autor: Oli Liss