Die Feelgood Revolution
Der gesellschaftliche Druck, schön, gesund und leistungsfähig zu sein nimmt zu, vor allem bei jungen Menschen
Was denken Menschen in der Schweiz, Österreich und in Deutschland über Ernährung, Gesundheit und Schönheit? Was halten sie zum Beispiel von Nahrungsergänzungsmitteln, Wellness-Angeboten und Schönheitsoperationen? Das wollten Forscher:innen des Gottlieb Duttweiler Instituts wissen und führten dazu eine repräsentative Umfrage durch.
Demnach empfindet über die Hälfte der Befragten den gesellschaftlichen Druck, «gut» auszusehen, als zu hoch. Hinzu kommt das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Das ist bei jungen Menschen besonders ausgeprägt. Bei den 16- bis 24-Jährigen steht mehr als die Hälfte häufig unter Zeitstress. Nur gerade 12 Prozent gaben an, selten gestresst zu sein. "Die Feelgood Revolution, mit Wellness-Angeboten in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Schönheit, ist die Antwort auf die permanente Überlastung in der Hochdruckgesellschaft", so Studienautorin Christine Schäfer. Wellness sei zu einer Art Reparaturwerkstatt für die Menschen geworden. Verrückt ist, dass der anhaltende Druck nach Wohlbefinden selbst wiederum als Stressfaktor wirken kann, was in der Studie als "Wellness-Paradox" beschrieben wird.
Für die Hersteller von Schönheitsprodukten, und Entspannungsangeboten ist die sogenannte "Wellness-Ökonomie" ein Billionen-Markt, der größer ist als IT, Sport oder Tourismus, erklärt Christine Schäfer. "Das liegt auch daran, dass wir, anders als etwa beim Essen, bei Wellbeing keine Sättigung verspüren und entsprechend für neue Produkte empfänglich sind."
Frauen stärker unter Druck
Nicht erstaunlich: Frauen stehen immer noch stärker unter Druck beim Aussehen (+ 35 % gegenüber Männern), aber auch bei der körperlichen Leistungsfähigkeit (+23 % gegenüber Männern) und bei der gesunden Ernährung (+20 % gegenüber Männern). Frauen sind in fast allen Bereichen unzufriedener mit ihrem Aussehen als Männer und investieren mehr in Pflegeprodukte und -dienstleistungen als Männer.
Dennoch kommt der Schönheitswahn auch zunehmend bei Männern an: Nachdem in den letzten Jahren die Nutzung von Botox bei Männern massiv zugenommen hat, haben sie die Frauen dabei jetzt sogar überholt. Das nennt die Studie das Phänomen «Brotox» (Kofferwort aus Bro und Botox). 30 % der Befragten (24 % der Männer und 36 % der Frauen) sind offen für Schönheitsoperationen, wenn diese kosten- und risikofrei wären. Die meistgenannten Bereiche sind bei Frauen Brust und Gesicht sowie bei Männern Gesicht, Haare, Nase und Bauch.
Vier Feelgood-Typen
Menschen ticken bezüglich Gesundheit, Aussehen und Wohlbefinden sehr unterschiedlich. Laut den Forschenden gibt es vier Feelgood-Typen, die sich über Haltung und Motivation unterscheiden. "Wellness ist kein Generationen-Thema, sondern ein Mindset-Thema", ordnet Schäfer ein.
Die "Strugglers", also Selbstzweifler:innen sehen ihren Körper als Baustelle. Gesundheit und Aussehen sind ihnen wichtig, gleichzeitig fehlt ihnen das Gefühl, selbst etwas dafür tun zu können. Deshalb legen sie besonders Wert auf die Bewertung von außen. Die Selbstoptimierer:innen betrachten ihren Körper als Kapital. Sie sind überzeugt, dass man Gesundheit und Schönheit mit Disziplin erreichen kann; Druck, Leistungsorientierung und Status sind ihr Antrieb. Frauen sind in diesem Typ leicht übervertreten.
Die "Balancers", also Selbstsicheren sehen ihren Körper als Verbündeten. Für sie zählt ein gutes Körpergefühl ohne den sozialen Vergleich. Sie akzeptieren altersbedingte und natürliche Unvollkommenheiten. Und die sogenannten Selbstverweigerer:innen betrachten ihren Körper als Nutzobjekt. Sie haben weder Zeit noch Lust, sich mit Wellness-Themen auseinanderzusetzen. Für sie zählen Funktionalität und maximale Wirkung bei minimalem Aufwand. Diesem Typ gehören mehr Männer an.
Wellness für alle statt für wenige
Die Gesundheit wird immer mehr zum privaten Konsumprojekt und verstärkt damit die soziale Schere, denn Produkte und Dienstleistungen im Wellness-Markt seien oft teuer, so Schäfer. Darum fordern die Autor:innen: Statt Wellness als Privileg für Reiche sollte Wohlbefinden als öffentliches Gut für alle zugänglich sein.
Ein weiterer Vorschlag unsererseits: Öfter mal mit lieben Menschen sprechen und sich ein Kompliment abholen, Waldspaziergänge statt Botox und Schönheitsnormen hinterfragen ;-).
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 1. Juni 2026