Die Anti-Lösung

Einsendung zum Schreibwettbewerb Dr. Futura im Wissenschaftsjahr Gesundheitsforschung

"Weltbewohner! Schreckt zurück vor dem größten Wissenschaftler, der je die Labore dieses Planeten durchschritten hat! Denn ICH habe einen Doktortitel in Dicio! Für jene Laien unter euch, die es nicht wissen, das ist lateinisch und steht für Gewalt… (räuspert sich). Ich bin Dr. Dicio und ich werde die Macht an mich reißen!"

Das waren meine Worte gewesen. Ich wollte das Böse isolieren, aber jetzt hatte man mich isoliert.
Ich stehe in meinem weißen Kittel vor dem Spiegel dieser Zelle. Kein Kontakt zur Außenwelt. Also betrachte ich das Blau meiner Augen, das mich an den Himmel draußen erinnern soll.
Ist Dir auch schon mal aufgefallen, dass die Guten dieser Welt mit Macht regieren? Scheint, als wäre Macht ein legitimes Mittel. Und ist Dir auch schon mal aufgefallen, dass wir das Jahr 2243 haben und immer noch Blut fließt? Die Guten töten die Bösen, die Bösen töten die Guten, die Guten denken, sie hätten Recht und die Bösen denken, sie hätten Recht…
Hat denn überhaupt jemand das Recht, zu töten? Ich bin ein 25-Jähriger Hochbegabter und habe Chemie, Physik, Mathematik, Biologie und Medizin studiert. Aber anscheinend habe ich eine Lücke in meiner Allgemeinbildung. Denn ich wusste nicht, dass Töten zu den Menschenrechten gehört. Wenn jemand direkt bedroht wird, kann er sich verteidigen. Aber Töten aus Macht? Wie kann die Welt nur jubeln, wenn Blut fließt? Die Menschen können forschen, so viel sie wollen. Vielleicht werden eines Tages alle Krankheiten geheilt sein. Aber eine Krankheit wird sicher nie geheilt werden.
Das Böse. Eine ansteckende und tödliche Krankheit.
Ob jeder Mensch böse ist? Früher habe ich das geglaubt. Ich dachte, in jedem stecke das Böse. Und wenn man das Böse stürzen will, muss man wie die Guten kämpfen.
Mit Gewalt. Das dachte ich jedenfalls.

Deswegen erfand ich die Anti-Lösung. Eine Flüssigkeit zum Injizieren, die das Böse im Menschen eliminieren sollte. Ein Heilmittel für Frieden auf der Welt. Wer Frieden schaffen will, muss schließlich Grenzen überschreiten. Das lehren uns die Guten dieser Welt. Es lief alles nach Plan. Aber dann traf ich sie... Amelie. Und ich weiß, Du hast sie mir geschickt. Denn es heißt:  Der Mensch plant und das Schicksal lacht. Und sie lachte. Sie lachte so wundervoll und erhellte meine Tage mehr als es die Sonne durchschnittlich im Jahr tun konnte. Hätte sie nicht Hilfe in Chemie gebraucht, wäre sie für mich wahrscheinlich in Vergessenheit geraten. So wie all die anderen Dinge in den letzten Jahren auch... Aber sie war wundervoll. Sie wusste nicht, wer ich war und bewunderte meinen Intellekt. Sie war der erste und einzige Mensch gewesen, bei dem ich je diese ehrliche Anerkennung bekommen hatte. Und sie glaubte an Dich! Kannst Du dir das vorstellen?! Sie studierte Naturwissenschaften und glaubte an DICH! Im Jahre 2243! Das erstaunte mich. Und wie es der Zufall… oder das Schicksal wollte, träumte sie davon, später einmal eine Lösung zu entwickeln, um die Menschen zu heilen! Als ich sie fragte, ob sie das Böse aus dem Menschen eliminieren wolle, schüttelte sie den Kopf.
Sie sagte:
„Die Gesundheit des Menschen fängt im Herzen an. Wenn der Mensch nur seinem Ego folgt, dann färbt sich das Herz dunkler und dunkler. Bis es schwarz ist. Man kann das Böse nicht bekämpfen, wenn man nicht die Liebe kennt. Und deswegen sollten wir alles, was wir für das Gute tun, aus Liebe und nicht aus Eigennutz tun. Denn dann werden sich die Menschen an die Liebe erinnern und das Böse vergessen.“

Sie wollte eine Lösung entwickeln, die dem Körper Liebe einhauchte. Als sie mir das erzählte, begann ich, an meiner Theorie zu zweifeln, dass jeder Mensch von Grund auf böse sei. Denn jemand wie sie konnte nichts Böses im Herzen tragen. Schließlich trug sie Dich im Herzen.

Hätte ich sie nicht persönlich gekannt, hätte ich nie geglaubt, dass Dein Licht wirklich so stark sein könnte. Aber lange konnte ich nicht darüber nachdenken. Denn dann sah ich, dass auch sie blind war.
Amelie liebte diesen Polizisten. Kommissar Leo. Diesen ungebildeten Wichtigtuer. Ein Muskelpaket, dessen Hemd eine Nummer zu klein war. Ein Schleimer, der nie ohne Sonnenbrille rumlief. Ein Held ohne Heldentum.
Warum bekamen immer diejenigen Ruhm und Ansehen, die sich nie bemüht hatten? Und ich… Ich sitze jetzt in dieser Zelle… Dabei wollte ich das tun, was Leo in Wahrheit nie erreicht hatte. Für Gerechtigkeit sorgen.
Und als ich Amelie so sah, so gut und naiv und so blind, da sah ich, dass es nicht die Schuld der Guten war. Schuld waren jene wie Leo. Solche, die Wissenschaftler wie mich einen Freak nannten.
Die Klügeren geben nach. Und genau deshalb regieren die Dummen die Welt.
Aber dazu sollte es nicht kommen. Als normaler Mensch konnte ich nichts anfangen, doch als Dr. Dicio hatte ich alle Macht der Welt. Und so änderte ich kurzzeitig meinen Plan...
Zuerst isolierte ich das Böse aus allen Verbrechern und Schurken, die ich aufspüren konnte. Und dann injizierte ich es Leo bei der Ordensverleihung der Polizeiwache.
Um Amelie die Augen zu öffnen.

Amelie war zuerst am Boden zerstört, den Gemütswechsel ihres Helden zu sehen. Und mich erfüllte es zunächst mit Freude. Doch dann eskalierte die Situation.
Das Böse in Leo wurde so intensiv, dass er anfing, Blut zu vergießen. Und das Schlimmste war: Ich war derjenige gewesen, der ihn manipuliert hatte. Nicht das Böse in Leo, sondern das Böse in mir war schuld an Amelies… Schuld an Amelies…

Denn ohne mein Wirken wäre sie glücklich gewesen. Am Ende war ich also der Krankheit verfallen, die ich die ganze Zeit über zu heilen versucht hatte.

Ich hielt die Welt für blind und merkte gar nicht, dass ich Teil von ihr war. Ist es zum Bereuen zu spät? Ich bin sicher, Du hörst gerade meine Gedanken. Ich weiß nicht, ob ich das Recht dazu habe, aber ich wünsche mir von Dir, dass Amelie in Deinem Reich glücklich wird.
Und ich wünsche mir, dass Du das Herz aller Naturwissenschaftlerinnen, in Gedenken an Amelie, mit Licht füllst und ihnen hilfst, Gutes auf dieser Welt zu bewirken. Fantastische Erfindungen, medizinische Revolutionen, Gesundheitsvisionen. Sie sollen bei jeder ihrer Forschungen Amelies Worte in Gedanken behalten. Ich hingegen… soll ihnen ein Anti-Beispiel sein. Mehr erbitte ich mir von Dir nicht.

Sie öffnen die Tür, holen mich raus, legen Handschellen an. Begleiten mich nach draußen, damit die Welt jubeln kann, wenn mein Blut fließt. Der Wärter fragt mich, als ich auf dem Podest vor all den Leuten stehe: „Na, Dok, glauben Sie immer noch daran, dass die Naturwissenschaft die Menschen heilen kann?“
Ich lasse meinen Blick über die kreischende Menge schweifen und antworte:
„Es wird der Tag kommen, an dem die Menschen dieser Welt alle Krankheiten ohne Mühe heilen werden. Und sie werden sehen, dass die Welt dennoch nicht besser geworden ist. Sie werden sehen, dass für das Leid der Menschen nicht nur die körperlichen oder geistigen Krankheiten verantwortlich sind.
Menschen sind es, die den Menschen leiden lassen.“
Ich atme tief ein. „An diesem Tag, werden sie sich nach und nach an die Liebe erinnern.“

Autorin / Autor: Marie, 19 Jahre - Stand: 3. Oktober 2011