Die einen grübeln, die anderen werden sicherer
Forscher:innen fanden zwei Arten von mangelndem Selbstvertrauen im Zusammenhang mit Angst und Geschlecht
Menschen, die unter Angstzuständen leiden haben in der Regel auch ein geringeres Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Mangelndes Selbstvertrauen wird auch vielen Frauen nachgesagt. Beides sind allerdings sehr unterschiedliche Arten von Unsicherheit, wie eine neue Studie von Forscher:innen des University College London (UCL) herausgefunden hat.
Für ihre Untersuchung trugen die Forscher:innen um Dr. Sucharit Katyal Daten aus zwei vorherigen Studien zusammen, in denen insgesamt 1.447 Teilnehmende einfache Aufgaben lösen sollten wie beispielsweise: „Sind auf diesem Bild mehr rote oder violette Beeren zu sehen?“ Dabei sollten sie auch angeben, wie sicher sie sich ihrer Antwort waren. In beiden Studien wurde gemessen, wie lange die Teilnehmer:innen für die Antwort brauchten, dass sie sich sicher seien.
Für die neue Studie wurde außerdem ein dynamisches Computermodell entwickelt, das dabei half zu erklären, wie sich das Selbstvertrauen von Menschen im Laufe der Zeit entwickelt. So fanden die Forscher:innen heraus, dass Menschen, die angaben, sehr ängstlich zu sein, umso weniger selbstbewusst wurden, je länger sie darüber nachdachten, ob sie sie sich sicher seien bei der Lösung der Aufgabe. Laut den Wissenschaftler:innen ist das ein Hinweis darauf, dass mehr Zeit für Selbstreflexion einen Prozess negativer Grübeleien ermöglicht, der das Selbstvertrauen von Menschen mit Angstzuständen im Laufe der Zeit weiter verringern kann.
Selbstunterschätzung kein einheitliches Phänomen
Beim gleichen Experiment mit Männern und Frauen zeigte sich dagegen ein umgekehrter Prozess. Zu Beginn der Studie gaben die Frauen an, sich im Vergleich zu den Männern weniger selbstbewusst zu fühlen. Dieser Unterschied verringerte sich aber, je mehr Zeit für die Aufgabe zur Verfügung stand. Die Forscher:innen sehen darin bestätigt, dass Männer und Frauen unterschiedliche Schwellenwerte anwenden, um ihre eigene Gewissheit über eine Tatsache zu bewerten. Das führe zu unterschiedlichen Niveaus von Selbstvertrauen.
Während Menschen mit Angstzuständen bei mehr Zeit für experimentelle Aufgaben also zunehmend das Vertrauen in ihre Antworten verlieren, steigt das Selbstvertrauen bei Frauen, wenn sie mehr Zeit für die Entscheidungsfindung bekommen. Dr. Katyal sagte: „Diese Ergebnisse zeigen, dass mangelndes Selbstvertrauen kein einheitliches Phänomen mit einer einzigen Ursache ist, da wir zwei verschiedene Arten von mangelndem Selbstvertrauen identifiziert haben – eine, die eher Menschen mit Angstzuständen betrifft, und eine, die häufiger bei Frauen auftritt. Verschiedene Gruppen gelangen auf sehr unterschiedlichen Wegen zu ähnlichen Mustern der Selbstunterschätzung.“
Diese Erkenntnis sollte darin münden, mehr personalisierte Ansätze in der Behandlung psychischer Erkrankungen anzuwenden. Und sie sollte beherzigt werden bei der Beseitigung gesellschaftlicher Ungleichheiten in Bezug auf Selbstvertrauen, so die Wissenschaftler:innen.
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion / Presssemitteilung - Stand: 19. Januar 2026