Wissenschaftliche Erkenntnisse...

... und was man davon halten soll...

Es ist Sommer und wie immer im Sommer, besonders, wenn er so heiß ist wie dieser, ist die Nachrichtenlage mau. Alle Welt ist in Urlaub, Entscheidungen werden vertagt, wichtige Ereignisse verschoben und der Rest sitzt mit dem Hirn auf Sparflamme vor dem eingeschalteten Ventilator.
Da Tageszeitungen, Onlinemagazine und überhaupt die ganze Unterhaltungs- und Informationsindustrie dennoch über irgendwas berichten muss, werden immer wieder gerne irgendwelche dubiosen Studien ausgegraben, die alles Mögliche, oft Entgegengesetztes, Belangloses und Belustigendes untersucht und auch bewiesen haben wollen.

Alkohol schadet der Karriere und Pizza schützt vor Krebs

Alles und jedeR ist Gegenstand dieser Untersuchungen und Studien: dicke Kinder und fettleibige Katzen, BrillenträgerInnen und LinkshänderInnen, Krebskranke und Drogenabhängige, die Jugend an sich oder deprimierte Manager, Langzeitstudenten und Slipeinlagenuserinnen, SchwerverbrecherInnen und Migränepatienten, Hühner mit Platzangst und Mücken, die auf Schweißfüße stehen und so weiter und so fort...
Was untersucht wird, ist ebenso vielfältig wie skurril. Wusstet ihr z.B., dass Spiegel im Fitnessstudio Frauen den Spaß am Training verderben? Dass nette Menschen sich eher vom Gähnen anstecken lassen? Dass Araber „von rechts nach links denken“ und zu wenig Alkohol der Karriere schadet? Dass Pizza vor Krebs schützt? Auch Gesichter Dialekt sprechen? Mädchen sich für aggressiver halten?
Oder habt ihr schon mal gehört, dass Krawatten das Risiko erhöhen, an einem grünen Star zu erkranken (wie gut, dass wir keine tragen müssen ;-)? Dabei gibt es Dinge, die wir auch ohne Studien gewusst hätten (ländliche Umgebung ist gut gegen Stress, Heiraten macht nicht unbedingt glücklicher, Kinder nehmen keinen Schaden, wenn Mütter arbeiten gehen) und welche, die wir eigentlich gar nicht wissen wollten (wie Bartstoppeln und Herzinfarkt zusammenhängen, was Motten in der letzten Sekunde ihres Lebens hören g).

Wissenschaft im Dienst von Politik und Industrie

Über manches skurrile Studienergebnis mag man schmunzeln, aber nicht selten werden (angeblich) wissenschaftliche Studien ganz gezielt eingesetzt, um die öffentliche Meinung bewusst zu lenken, um zu manipulieren, zu täuschen und politisch gewünschte Unwahrheiten in die Welt zu setzen. In unserer wissenschaftsgläubigen Zeit haben wissenschaftliche Erkenntnisse ein hohes Ansehen. Etwas wurde untersucht, bewiesen, geprüft und wird daher für unumstößlich, für richtig, für wahr befunden. Darum beruft sich auch die Werbung gerne mal auf die Dr. Best-Forschung, auf "wissenschaftliche Studien" und "klinische Erprobung". Aber oft ist Wissenschaft weit weniger objektiv, als sie vorgibt zu sein.
Wer die letzten Sekunden im Leben einer Motte untersucht, kommt mit seiner Forschung vermutlich niemandem in die Quere und will sicherlich auch keinen politischen Einfluss nehmen. Aber wenn es z.B. um negative Auswirkungen von Elektrosmog, um Umweltschäden durch die Industrie oder die Wirksamkeit bestimmter Medikamente geht, kann es durchaus heikel werden: hier geht es um Geld, um die Wirtschaft und um die Interessen von Konzernen und Regierungen. Studien und wissenschaftliche Untersuchungen können auf die vielfältigsten Arten manipuliert oder gar unterdrückt werden, z.B. schon im Vorfeld, indem (staatliche) Gelder überhaupt nur für solche Studien und Forschungsprojekte locker gemacht werden, die in das politische Konzept passen. Oder aber indem unerwünschte wissenschaftliche Ergebnisse erst gar nicht publik werden. Oder indem angebliche ExpertenInnen ausgewählt werden, die schon mit ganz bestimmten Interessen an eine Sache herangehen. Natürlich ist eine Studie über die Folgen des Rauchens höchst fragwürdig, wenn sie von der Tabakindustrie in Auftrag gegeben wurde. Gleiches gilt für die Untersuchung der negativen Auswirkungen bestimmter Medikamente durch einen Pharmakonzern.

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Autorin / Autor: Sabine Melchior - Stand: 2. September 2003