Eine Beispiel-Rezension

Worum es bei einer Buchbesprechung geht, weißt du jetzt. In diesem Teil wird es nun praktisch, denn an einem Beispiel siehst du Schritt für Schritt, wie eine Rezension entsteht.

Das Buch, das uns als Vorlage dient, heißt „Mojsche und Rejsele“ und ist von der Niederländerin Karijn Stoffels. Die Kursiv-Schrift zeigt an, was in einer Rezension genau stehen würde.

1. Arbeitsschritt: Der Einleitungssatz
Eine Rezension soll gelesen werden! Deshalb solltest du versuchen, im Einleitungssatz die Neugier der LeserInnen zu wecken. Verrate zunächst nicht zu viel über das Buch, sondern mache nur Andeutungen. Außerdem gehören der Buchtitel und der Name des Autors oder der Autorin hinein.

„Mojsche und Rejsele“ von der niederländischen Autorin Karijn Stoffels erzählt eine Liebesgeschichte, die aufgrund der Umstände, denn es herrschen Krieg und Verfolgung, kaum eine Chance hat.

2. Arbeitsschritt: Der Inhalt

Du musst davon ausgehen, dass die LeserInnen deiner Rezension das besprochene Buch nicht kennen. Es ist also erforderlich, dass du ihnen erläuterst, worum es geht. Wichtig ist, dass du nicht zu ausführlich wirst. Auch solltest du nicht alles verraten: Die Frage, ob Mojsche und Rejsele ein Liebespaar werden, sollte nicht in deiner Rezension enthüllt werden.

Die beiden Jugendlichen Mojsche und Rejsele treffen sich 1939 in Warschau, in Polen in einem Waisenhaus. Mojsche verliebt sich in Rejsele, vermasselt jedoch jeden Flirt mit ihr. Es ist die Zeit des Zweiten Weltkriegs und das Waisenhaus muss, da es ein jüdisches ist, ins Ghetto umziehen. Dabei setzt Mojsche sich ab, um in der polnischen Untergrundbewegung mitzuarbeiten. Als er die Noten des Liebesliedes „Rejsele“ entdeckt, besucht er das Waisenhaus und Rejsele noch einmal. Viele Jahre später wird Mojsche, der inzwischen in Israel lebt, mit seinen Erlebnissen jener Zeit konfrontiert: er ist in eine  Radiosendung eingeladen, in der über das Waisenhaus und seinen berühmten Leiter gesprochen wird.

3. Arbeitsschritt: Hintergründe

Jedes Buch ist in eine bestimmte Situation, in einen bestimmten Ort oder in eine bestimmte Zeit eingebunden. Dinge, die im Buch nicht direkt thematisiert werden, aber eine Rolle spielen, heißen Kontext oder Hintergründe. Hintergründe einer Geschichte können z.B. eine Familiensituation wie geschiedene Eltern, eine Lebenssituation wie Wohnen in einer WG, ein Ort wie eine Großstadt, ein historisches Ereignis wie ein Krieg oder eine soziale Situation wie Arbeitslosigkeit sein. Wichtig: Verwechsele Kontext nicht mit Inhalt! Der Hintergrund ist, wie der Name schon sagt, nicht die Hauptsache, sondern die Kulisse, in der sich eine bestimmte Geschichte ereignet. In unserem Beispiel haben wir gleich mehrere Hintergründe: die Zeit, den Ort und eine Person, den Waisenhausleiter.

Die Geschichte von Mojsche und Rejsele spielt in Polen zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Die Deutschen haben das Land besetzt und zwingen die Juden, ihre Häuser zu verlassen und in ein Ghetto zu ziehen. Dort leben viele Menschen auf engstem Raum. Krankheiten, Hunger und Tod gehören zum Alltag. Obwohl sich für die Menschen dieser Ort wie eine Endstation anfühlt, wissen wir, dass hier erst ihr Weg in den Tod beginnt: nach dem Leben im Ghetto kommt für die meisten die Deportation in ein Konzentrationslager, wo sie entweder sofort ermordet werden oder zunächst sehr hart arbeiten müssen. Nur wenige Juden überleben diese furchtbare Zeit.
Das Waisenhaus, in dem sich Mojsche und Rejsele begegnen, hat es ebenso wie seinen Leiter tatsächlich gegeben. Es ist das Waisenhaus des Janusz Korczak, der damals sehr bekannt war als Arzt, Schriftsteller und Pädagoge. Er hat sich besondere Dinge für die Erziehung in seinem Waisenhaus ausgedacht wie z.B. das Kindergericht, das auch im Buch vorkommt. Jedem - auch jedem Erwachsenen -, der einen Fehler begeht, wird dort von Kindern der Prozess gemacht. Als die Deutschen Warschau besetzen, muss das Waisenhaus in das Ghetto umziehen. Später wird das Ghetto aufgelöst und seine BewohnerInnen werden deportiert. Korczak wusste, dass „seine“ Kinder in einem KZ getötet werden würden. Obwohl er hätte fliehen können, ist er bei ihnen geblieben und mit ihnen im KZ Treblinka gestorben.


Nun wirst du sicher sagen: „Woher soll ich das denn alles wissen?“ Einen Teil wie z.B. das mit dem Kindergericht weißt du, wenn du das Buch gelesen hast. Andere Informationen erfährst du, wenn du auch den Klappentext des Buches liest. Wieder andere Dinge teilt dir das Buch überhaupt nicht mit. Da ist deine Allgemeinbildung gefragt! Wenn du Kenntnisse zum Zweiten Weltkrieg und der Ermordung der Juden hast, dann ist das bei dem Buch „Mojsche und Rejsele“ von großem Vorteil. Fehlt dir das Wissen, so solltest du dich mithilfe deines Geschichtsbuches in das Thema einlesen. Grundsätzlich solltest du dich nur für eine Rezension entscheiden, wenn du mit dem Buchthema  etwas anfangen kannst. Findest du Bücher, in denen Krieg eine Rolle spielt, zu anstrengend, dann solltest du also keine Rezension von „Mojsche und Rejsele“ schreiben!

4. Arbeitsschritt: Die Bewertung

An dieser Stelle kommt deine eigene Meinung ins Spiel. Jetzt heißt es offen zu legen, ob dir das Buch gefallen hat und vor allem warum oder warum nicht.

„Mojsche und Rejsele“ ist aufgrund seiner historischen Hintergründe kein leichtes Buch. Das Thema ist schwerverdaulich, aber die Autorin schafft es, die Geschichte ohne Rührseligkeit zu erzählen. Es ist schön, dass das Buch ein gutes Ende hat, obwohl wir wissen, dass die Realität anders aussah. Schwierig wird es für die Leserin auch deshalb, weil die Autorin Realität und Fiktion mischt: während die Geschichte von Mojsche und Rejsele ausgedacht ist, hat es das Waisenhaus und Janusz Korczak wirklich gegeben. Diese Mischung macht das Buch sehr anspruchsvoll. Trotzdem macht es auch Spaß, dieses Buch zu lesen. Es ist amüsant, wenn Mojsche sich seiner Angebeteten nähern will. Als Mädchen kann man hier erfahren, was Jungs sich so denken – was sehr interessant ist! In jedem Fall ist „Mojsche und Rejsele“ ein wichtiges Buch, weil Jugendliche hier viel lernen können. Zum einen lernt man etwas über die Geschichte, ohne dass es wie in der Schule zugeht. Zum anderen kann man etwas über andere Jugendliche erfahren, die sich trotz der anderen Umstände gar nicht so sehr von uns heute unterscheiden. „Mojsche und Rejsele“ ist ein wunderschönes Buch, weil es so echt wirkt ohne albern oder lehrermäßig zu sein!

Fazit

Nun hast du ein Beispiel vor Augen, wie eine Rezension entsteht. Natürlich sind die Inhalte hier nur eine Möglichkeit. Du kannst deinen Einleitungssatz anders formulieren, du kannst für den Inhalt andere Worte finden und du kannst eine andere Meinung zu dem Buch haben. Der Aufbau einer Rezension sollte jedoch in etwa so sein wie hier. Am besten, du schnappst dir einfach ein gutes Buch, liest es und probierst, es zu besprechen! Zugegeben – „Mojsche und Rejsele“ war kein leichtes Beispiel, aber es gibt ja noch genug andere Bücher. :-)

Autorin / Autor: Natascha Bleckmann - Stand: 1. August 2002